Trotz Produktionsplus bleibt die Kunststoffindustrie unter Druck. Auf ihrer Wirtschaftspressekonferenz mahnt Plastics Europe strukturelle Reformen an – und sieht Kreislaufwirtschaft als Schlüssel für eine wettbewerbsfähige Zukunft.
Hauptgeschäftsführerin von Plastics Europe Deutschland, Christine Bunte, informierte während der Wirtschaftspressekonferenz über die aktuelle Lage der Kunststoffindustrie.
(Bild: Plastics Europe Deutschland)
Trotz eines moderaten Produktionszuwachses bleibt die deutsche Kunststoffindustrie unter Druck. Das wurde auf der Wirtschaftspressekonferenz des Verbands Plastics Europe Deutschland deutlich. Die Branche kämpft mit hohen Energiekosten, schwacher Nachfrage und wachsender internationaler Konkurrenz. Zugleich investiert sie weiter in Kreislauftechnologien – allerdings unter schwierigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen.
Wie hat sich die Kunststoffproduktion 2024 entwickelt?
Nach zwei Jahren mit massiven Rückgängen konnte sich die Branche 2024 leicht erholen. Die Produktion von Kunststoffen in Primärformen stieg im Jahresvergleich um 3 Prozent. Damit wurde zwar der Negativtrend gestoppt, das Vorkrisenniveau von 2021 bleibt aber weiter außer Reichweite – die Produktion liegt über 25 Prozent unter dem Niveau von 2021.
Insgesamt setzte die Branche 26,7 Mrd. Euro um, wovon rund 35 Prozent auf den Inlandsmarkt entfielen. 65 Prozent des Umsatzes wurden im Ausland generiert. Doch auch hier trübte sich die Lage im Jahresverlauf ein: Während der Auslandsumsatz im ersten Halbjahr noch stieg, ging er im Gesamtjahr um 1,5 Prozent zurück. Der Inlandsumsatz fiel sogar um 5,7 Prozent.
Wie hat sich die Kunststoffproduktion zuletzt entwickelt?
(Bild: Plastics Europe Deutschland)
Warum bleibt die Nachfrage im Inland so schwach?
Trotz leicht gestiegener Reallöhne und sinkender Energiepreise blieb der erhoffte Nachfrageimpuls aus. Die Industrieproduktion in Deutschland sank 2024 um 4,7 Prozent, besonders betroffen waren Kernbranchen der Kunststoffabnehmer: Automobilindustrie, elektronische Geräte, Baugewerbe und Konsumwaren. Diese Zurückhaltung spiegelte sich direkt in rückläufigen Aufträgen für Kunststoffprodukte wider.
Hinzu kam eine schwache Entwicklung in der gesamten EU: Die Industrieproduktion der EU-27 sank um 2,6 Prozent. Damit blieb auch die Exportnachfrage aus dem europäischen Ausland gedämpft.
Welche Rolle spielen Energiepreise und internationale Konkurrenz?
Ein wesentlicher Standortnachteil bleibt der Energiepreis. Zwar fiel der durchschnittliche Gaspreis in Europa 2024 um 16,5 Prozent auf rund 35 Euro pro Megawattstunde, doch das ist immer noch dreieinhalbmal so viel wie im Jahr 2020 – und fünfmal mehr als in den USA.
Parallel dazu verschärfte sich der globale Wettbewerb: China produziert mittlerweile jede dritte weltweit erzeugte Tonne Kunststoff, Tendenz steigend. Dort wird gezielt in Exportkapazitäten investiert, während der europäische Markt stagniert. Zusätzlich wuchs die Industrieproduktion in Ländern wie Indien, Brasilien oder Südkorea, was den globalen Angebotsdruck weiter erhöhte.
Der Effekt: Die Erzeugerpreise für Kunststoffe in Deutschland sanken um 4,2 Prozent, was trotz gestiegener Produktionsmengen zu einem Umsatzrückgang von 3 % führte.
Wie sich die Gaspreissituation auf die Erzeugerpreise auswirkt.
(Bild: Plastics Europe Deutschland)
Was erwartet die Branche für 2025?
Die Prognose für das laufende Jahr fällt verhalten aus. Zwar geht Plastics Europe von einem globalen Wirtschaftswachstum von rund 3 Prozent aus – getragen durch Asien und teilweise die USA –, doch der europäische Markt bleibt schwach. Die Produktion von Kunststoffen in Primärformen wird laut Prognose um 0,5 % zurückgehen. Eine echte Erholung ist nicht in Sicht, so Dr. Ralf Düssel, Vorstandsvorsitzender des Verbands.
Welche Maßnahmen fordert Plastics Europe von der Politik?
Plastics Europe fordert vor allem wettbewerbsfähige Energiepreise, den Ausbau von Stromnetzen, Wasserstoff- und CO₂-Infrastruktur, sowie den Abbau bürokratischer Hürden. Genehmigungsverfahren dauerten in Deutschland oft doppelt so lange wie gesetzlich vorgesehen. Der sogenannte „Deutschlandpakt“ mit über 100 Maßnahmen müsse nun konsequent umgesetzt werden, forderte Hauptgeschäftsführerin Dr. Christine Bunte.
Auf europäischer Ebene kritisierte sie das Abstimmungsverhalten der Bundesregierung, das unter dem Schlagwort „German Vote“ bekannt wurde. Deutschland müsse sich wieder stärker in Brüssel positionieren – insbesondere bei Themen wie der Altautoverordnung oder der Recyclingquoten-Regulierung.
Wie können Kreislauftechnologien wirtschaftlich werden?
Die Branche investiert trotz aller Herausforderungen weiter:
In Ludwigshafen wurde der weltweit erste elektrisch betriebene Crackerofen in Betrieb genommen (Sabic, Linde, BASF).
In Wesseling entsteht eine 50.000-Tonnen-Anlage für chemisches Recycling, eine weitere mit 20.000 Tonnen Kapazität ist in Dormagen geplant.
40 Prozent der biobasierten Kunststoffe Europas werden in Deutschland produziert – rund 120.000 Tonnen pro Jahr.
Doch alle Investitionen erfolgen auf eigenes Risiko. Die Herstellung nachhaltiger Produkte verursacht höhere Kosten, die aktuell nicht am Markt gedeckt werden können. Der Verband fordert daher verlässliche politische Rahmenbedingungen, um Innovationen und Kreislaufwirtschaft wirtschaftlich tragfähig zu machen – etwa durch realistische Quoten, technologieoffene Vorgaben und konsequente Kontrollen.
Stand: 16.12.2025
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Die deutsche Kunststoffindustrie steht an einem Scheideweg. Ohne politische Entlastung und mutige Reformen drohen weitere Rückgänge bei Produktion, Innovation und Standortinvestitionen. Gleichzeitig bietet die Branche Lösungen für zentrale Herausforderungen – von Klimaschutz über Kreislaufwirtschaft bis hin zur Versorgungssicherheit. Die Chance zur Transformation ist da. Jetzt braucht es den politischen Willen, sie zu nutzen.