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Chemisches Recycling: Stand der aktuellen Technologie Durchbruch oder Greenwashing?

Quelle: Pressemitteilung 6 min Lesedauer

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Chemisches Recycling gilt als Heilsbringer der Kreislaufwirtschaft. Die Technologie verspricht, selbst schwer recycelbare Kunststoffe in hochwertige Rohstoffe zu verwandeln. Großkonzerne wie BASF, Shell und Dow investieren Milliarden. Umweltverbände hingegen warnen vor Greenwashing und bezweifeln die ökologischen Vorteile.

Die EU-Verpackungsverordnung fordert höhere Rezyklatanteile. Mechanisches Recycling allein wird diese Quoten nicht erfüllen können.(Bild:  New Africa - stock.adobe.com)
Die EU-Verpackungsverordnung fordert höhere Rezyklatanteile. Mechanisches Recycling allein wird diese Quoten nicht erfüllen können.
(Bild: New Africa - stock.adobe.com)

Chemisches Recycling verspricht die Lösung aller Probleme beim Recycling, doch der Verdacht auf Greenwashing steht im Raum. Die Wahrheit liegt dazwischen. Chemisches Recycling kann eine sinnvolle Ergänzung zum mechanischen Recycling sein, ist aber kein Allheilmittel. Die Technologie steht am Anfang, die Skalierung ist teuer und energieintensiv.

Für Unternehmen, die Verpackungen in Verkehr bringen, wird das Thema relevant. Die EU-Verpackungsverordnung fordert höhere Rezyklatanteile. Mechanisches Recycling allein wird diese Quoten nicht erfüllen können. Doch lohnt sich chemisches Recycling?

Die wichtigsten Verfahren beim chemischen Recycling

Chemisches Recycling zerlegt Kunststoffe auf molekularer Ebene. Im Gegensatz zum mechanischen Recycling, das Kunststoffabfälle zerkleinert, zu Granulat verarbeitet und zu neuen Produkten formt, werden die Polymerketten aufgebrochen. Das Ergebnis sind chemische Grundbausteine für neue Kunststoffe. Es gibt drei wesentliche Verfahren.

Pyrolyse erhitzt Kunststoffe unter Luftabschluss auf 400 bis 800 Grad Celsius. Dabei entstehen Öle, Gase und Feststoffe. Das Pyrolyseöl lässt sich in Raffinerien zu neuen Kunststoffen verarbeiten. Dieses Verfahren ist am weitesten entwickelt.

Gasifikation arbeitet bei 1.200 bis 1.600 Grad Celsius. Der Kunststoff wird vollständig in Synthesegas zerlegt. Aus diesem Gas lassen sich Methanol, Ammoniak oder neue Kunststoffe herstellen. Der Prozess ist sehr energieintensiv.

Depolymerisation spaltet Polymerketten gezielt in ihre ursprünglichen Monomere. Das funktioniert vor allem bei sortenreinen Kunststoffen wie PET oder Nylon. Die gewonnenen Monomere erreichen Neuware-Qualität.

Unterschied zum mechanischen Recycling

Mechanisches Recycling sortiert, reinigt, schmilzt und formt Kunststoffe neu. Es ist etabliert, günstig und energiearm. Doch die Qualität sinkt mit jedem Zyklus. Additive gehen verloren, Verunreinigungen bleiben.

Chemisches Recycling verspricht, diese Limitierungen zu überwinden. Es kann verschmutzte, mehrschichtige und gemischte Kunststoffe verarbeiten. Die Qualität erreicht theoretisch Neuware-Niveau. Dafür ist der Prozess teurer und verbraucht deutlich mehr Energie.

Die beiden Verfahren ergänzen sich. Mechanisches Recycling bleibt für sortenreine Kunststoffe die erste Wahl. Chemisches Recycling springt ein, wo mechanische Verfahren versagen.

Schwer recycelbare Kunststoffe verwerten

Die Befürworter chemischen Recyclings malen ein optimistisches Bild. Die Technologie könnte zwei wesentliche Probleme lösen.

Problem 1: Viele Verpackungen lassen sich mechanisch nicht recyceln. Mehrschichtfolien für Lebensmittel, Verbundverpackungen und verschmutzte Kunststoffe landen heute meist in der Verbrennung. Chemisches Recycling könnte hier Abhilfe schaffen. Pyrolyse verarbeitet auch gemischte und verschmutzte Kunststoffströme. Theoretisch ließen sich die Recyclingquoten deutlich steigern.

Problem 2: Mechanisch recycelte Kunststoffe verlieren an Qualität. Sie eignen sich oft nur für minderwertige Anwendungen. Für Lebensmittelverpackungen sind sie meist ungeeignet. Chemisch recycelte Kunststoffe erreichen dagegen Neuware-Qualität. Sie können in allen Anwendungen eingesetzt werden. Das ermöglicht echte Kreisläufe, in denen Verpackungen immer wieder zu Verpackungen werden.

Kunststoffe basieren heute fast ausschließlich auf Erdöl und Erdgas. Chemisches Recycling könnte diese Abhängigkeit reduzieren. Statt neues Öl zu fördern, werden Abfälle zur Rohstoffquelle. Die Vision: Eine Kreislaufwirtschaft, in der Kunststoffe endlos im Kreis laufen. Kein Müll, keine Neuproduktion aus Erdöl, keine Umweltverschmutzung. Chemisches Recycling als Schlüsseltechnologie.

Energieintensiv und niedrige Ausbeuten

Die Kritiker zeichnen ein anderes Bild. Sie bezweifeln die ökologischen Vorteile und warnen vor überzogenen Erwartungen. Chemisches Recycling benötigt enorme Energiemengen. Pyrolyse läuft bei über 400 Grad Celsius, Gasifikation bei über 1.200 Grad. Zum Vergleich: Mechanisches Recycling kommt mit 200 Grad aus.

Chemisches Recycling zerlegt Kunststoffabfälle in chemische Grundbausteine, unter anderem für neue Kunststoffe. Doch die die Prozesse benötigen enorme Energiemengen. Pyrolyse läuft bei über 400 °C, Gasifikation bei über 1.200 °C. Zum Vergleich: Mechanisches Recycling kommt mit 200 °C aus.
(Bild: francoimage - stock.adobe.com)

Der Energieaufwand liegt drei- bis viermal höher als bei mechanischen Verfahren. Wenn diese Energie aus fossilen Quellen stammt, verschlechtert sich die CO2-Bilanz drastisch. Nur mit grünem Strom aus Wind und Sonne kann chemisches Recycling ökologisch sinnvoll sein.

In der Praxis liegen die Ausbeuten oft unter den Erwartungen. Nur ein Teil des Inputs wird zu verwertbarem Output. Bei der Pyrolyse entstehen neben Öl auch Gase und feste Rückstände. Manche Studien berichten von Ausbeuten unter 50 %. Zudem ist das Pyrolyseöl kein fertiger Kunststoff. Es muss in Raffinerien weiterverarbeitet werden. Dort konkurriert es mit Erdöl und wird oft nur zu einem kleinen Teil für neue Kunststoffe verwendet.

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Fehlende Transparenz und Greenwashing

Viele Unternehmen werben mit chemisch recycelten Produkten, ohne Details zu nennen. Wie viel Input wird tatsächlich zu neuem Kunststoff? Woher stammt die Energie? Wie hoch ist der CO2-Fußabdruck?

Das Mass-Balance-Verfahren steht besonders in der Kritik. Dabei wird chemisch recyceltes Öl mit fossilem Öl vermischt. Die Recyclingmenge wird dann rechnerisch bestimmten Produkten zugeordnet. Physisch enthalten diese Produkte aber kein Recyclingmaterial. Kritiker sprechen von Etikettenschwindel.

Umweltorganisationen warnen: Chemisches Recycling dient oft als Feigenblatt. Statt Kunststoffprodukte für das mechanische Recycling zu designen, wird die Technologie genutzt, um Business as usual zu rechtfertigen.

Wirtschaftliche Hürden und Stand der Technologie

Chemisches Recycling ist teuer. Die Anlagen kosten Hunderte Millionen Euro. Der Betrieb verschlingt hohe Energiekosten. Der Output muss mit preiswertem Neukunststoff aus Erdöl konkurrieren. Ohne Förderung rechnet sich chemisches Recycling selten.

Wo steht chemisches Recycling aktuell? Die Technologie hat die Pilotphase verlassen, aber die industrielle Skalierung läuft schleppend. Weltweit existieren etwa 50 kommerzielle Pyrolyse-Anlagen für Kunststoffabfälle. Die Kapazitäten sind noch gering, zusammen verarbeiten sie weniger als 1. Mio. t pro Jahr. Zum Vergleich: Europa produziert jährlich über 60 Mio. t Kunststoffabfälle.

Die größte Anlage für chemisches Recycling betreibt das norwegische Unternehmen Quantafuel in Dänemark.(Bild:  Mikkel Berg Pedersen - Quantafuel)
Die größte Anlage für chemisches Recycling betreibt das norwegische Unternehmen Quantafuel in Dänemark.
(Bild: Mikkel Berg Pedersen - Quantafuel)

Die größte Anlage betreibt Quantafuel in Dänemark mit 16.000 jato. BASF hat in Ludwigshafen eine Anlage in Betrieb. Viele angekündigte Projekte verzögern sich oder werden gestoppt.

Die Forschung arbeitet an effizienteren Verfahren. Neue Katalysatoren sollen Temperaturen senken und Ausbeuten steigern. Enzyme und Mikroorganismen könnten biologisches Recycling ermöglichen. Diese Ansätze sind vielversprechend, aber noch weit von der industriellen Anwendung entfernt.

Gesetzliche Anerkennung und Lizenzierung

Die EU-Verpackungsverordnung erkennt chemisches Recycling grundsätzlich an. Chemisch recycelte Kunststoffe dürfen auf die Rezyklatquoten angerechnet werden. Allerdings gelten strenge Bedingungen. Die Ausbeute muss nachgewiesen werden. Nur der Anteil, der tatsächlich zu neuem Kunststoff wird, zählt. Die delegierten Rechtsakte zur konkreten Umsetzung werden für 2027 erwartet.

Unabhängig von der Recyclingtechnologie bleiben die rechtlichen Pflichten bestehen. Wer Verpackungen in Verkehr bringt, muss diese registrieren und lizenzieren lassen. Die Registrierung im LUCID-Register der Zentralen Stelle ist kostenlos und verpflichtend. Ohne Registrierung drohen Bußgelder bis 100.000 Euro. Die Systembeteiligung erfolgt bei einem dualen System.

Die Lizenzkosten richten sich nach Material, Menge und Recyclingfähigkeit. Verpackungen aus chemisch recycelten Kunststoffen werden wie konventionelle Kunststoffverpackungen behandelt. Dienstleister wie die Interzero Recycling Alliance unterstützten Unternehmen bei der Lizensierung.

Nachweispflichten beim chemischen Recycling

Unternehmen, die mit chemisch recycelten Materialien werben, müssen dies nachweisen können. Woher stammt das Rezyklat? Wie hoch ist der Anteil? Welches Verfahren wurde verwendet? Falsche oder irreführende Angaben können als Greenwashing geahndet werden. Die neue Green Claims Directive verschärft die Anforderungen erheblich.

Chemisches Recycling ist weder die Lösung aller Probleme noch reines Greenwashing. Die Wahrheit liegt in der Mitte. Die Technologie kann eine sinnvolle Ergänzung sein, aber nur unter bestimmten Bedingungen. Sinnvoll ist chemisches Recycling dort, wo mechanische Verfahren versagen. Mehrschichtfolien, verschmutzte Kunststoffe, komplexe Verbundmaterialien. Das ist besser als Verbrennung, aber nur wenn die Energie aus erneuerbaren Quellen stammt.

Für Unternehmen gilt, primär auf mechanisches Recycling und recyclingfähiges Design zu setzten. Chemisches Recycling sollte nur ergänzend zur Anwendung kommen, wo es wirklich Sinn ergibt und die Herkunft und Anteile von Rezyklaten transparent ist.