Gastgeber der zweiten Ausgabe des Videocasts „WINe O’Clock – Die Business After Hour“ ist PlastXnow. Bei einem kräftigen Rotwein reden Ingemar Bühler und Melanie Ehrhardt über die Nationale Kreislaufwirtschaft sowie den derzeitigen Zustand der Chemieindustrie in Deutschland und Europa.
Melanie Ehrhardt (links) und Ingemar Bühler (rechts) bei der Aufzeichnung der WINe O’Clock: Kreislaufwirtschaft vom Reißbrett?
(Bild: PlastXNow/sl)
Im Nordwesten Italiens, eingebettet in die majestätischen Ausläufer der Alpen, liegt das Piemont. Berühmt für ihre einzigartigen Rebsorten, ist die Region vor allem für Weinliebhaber ein Paradies.
„Ich mag Weine aus dem Piemont und das Piemont selbst sehr gerne“, sagt Ingemar Bühler, Head of Government Affairs bei Olin. Zur Aufzeichnung unserer „WINe O’Clock“ bringt er eine Flasche Merlot mit – „ein unaufgeregter, ruhiger Rotwein, reinrebige Barbera und mit viel Tiefe“.
Bühler hat aber nicht nur einen guten Tropf mit im Gepäck, sondern auch spannende Insights aus dem politischen Berlin, die er an diesem Tag mit mir teilen möchte. Unser Thema ist die Nationale Kreislaufwirtschaftsstrategie (kurz NKWS) und die Frage: Lässt sich ein so komplexes Konstrukt einfach mithilfe eines Maßnahmenkatalogs am Reißbrett analysieren?
Zur Person
Ingemar Bühler ist seit März 2025 Head of Government Affairs bei Olin. Der US-Konzern stellt Verbundwerkstoffe auf Basis von Epoxidharzen her. Diese kommen unter anderen in den Bereichen Windenergie, E-Mobilität und im Bau zum Einsatz.
In Seiner Funktion als Head of Government Affairs fungiert Bühler als Schnittstelle zwischen Wirtschaft und Politik. Vor seiner Zeit bei Olin war er unter anderem Hauptgeschäftsführer von Plastics Europe Deutschland sowie in unterschiedlichsten Führungspositionen bei Bayer.
Anmerkung: Ingemar Bühler und PlastXnow-Redakteurin Melanie Ehrhardt kennen sich schon seit einigen Jahren, sind mittlerweile auch beim Du. Wir haben das sowohl im Video als auch im schriftlichen Interview berücksichtigt.
PlastXnow: Bundesumweltminister Carsten Schneider sagt: „Kreislaufwirtschaft ist nicht nur Umwelt- und Ressourcenpolitik, sondern darüber hinaus Standort-, Innovations- und Industriepolitik zugleich“. Das Thema Kreislaufwirtschaft scheint in der Politik angekommen zu sein. Kommt dieser Einsatz womöglich zu spät?
Ingemar Bühler: Der ganzheitliche Ansatz ist richtig und wichtig. Aber ja, der Einsatz kommt reichlich spät. In diesem Fall aber gilt, besser spät als nie. Deutschland muss Fortschritte bei der Abhängigkeit von Rohstoffen ebenso wie im Umgang mit dem Recycling machen und sein Innovationspotenzial heben. Viele der Erfindungen aus unserem Land werden leider anderswo kommerzialisiert. Das ist ein Dauerproblem, an dem die deutsche Wirtschaft leidet.
Ein weiterer Punkt, den Schneider anspricht, ist der Druck auf die Lieferketten. Dieser sei selten so groß wie dieser Tage gewesen. Kannst du das aus deiner Praxis bestätigen? Und inwieweit kann hier Kreislaufwirtschaft entgegensteuern?
Unsere Wertschöpfungsketten werden durch den Aufbau von Überkapazitäten vor allem in China massiv bedroht. China und einige andere asiatische Länder sitzen auf großen Mengen von Chemikalien, die durch den Abbau seltener Erden entstehen. Diese Chemikalien werden massiv subventioniert in den europäischen Markt geworfen und zerstören hier erst Preise, dann Handelsströme und schließlich ganze Produktionskapazitäten. Das ist ein ernstes Problem.
Welche Bereiche sind davon besonders betroffen?
Ich beobachte das vor allem in Bereichen wie der Energie- und der Verteidigungsindustrie, in denen die EU souverän agieren muss. Das kann die Kreislaufwirtschaft nicht lösen, aber sie ist ein wichtiger Baustein, um einen Teil der Ressourcenunabhängigkeit zu entwickeln. Weil wir Rohstoffe hier wiederverarbeiten und weil wir durch Technologien wie CCU, Biomasse oder aber auch moderne Frackingmethoden zum Rohstoffproduzenten werden.
Dafür braucht es aber auch die richtigen Standortbedingungen. Gerade beim Kunststoffrecycling erleben wir, das Anlagen schließen oder ganze Unternehmen Insolvenz anmelden. Das passt in meinem Kopf nicht richtig zusammen. Vergisst die Politik bei ihren Überlegungen die Basis, sprich: die Recycler?
Die Standortschließungen derzeit hängen vor allem mit den extrem hohen Energiepreisen, der Last der Bürokratie und der fehlenden Nachfrage zusammen. Wir müssen endlich ehrlich zu uns sein. In anderen Teilen der Welt wie in den USA kostet Energie nur einen Bruchteil des Preises, ist aber nicht dreckiger, sondern mindestens genauso sauber oder sogar besser.
Bei der Kreislaufwirtschaft kommt noch hinzu, dass die Marktanreize für nachhaltigere Produkte derzeit schlichtweg nicht greifen. Kein Anbieter bekommt derzeit einen Sustainability Premium von seinem Kunden bezahlt. Der Aufwand bei zirkulären Produkten und beim Recycling wird derzeit überhaupt nicht belohnt.
Europa und auch Deutschland neigt ja gerne zu Regulierungen. Dazu Schneider: „Regulierung schafft Orientierung und Planungssicherheit“. Gerade beim Thema Kunststoffrezyklate würden das im Moment die wenigsten Unternehmen unterschreiben. Oder was ist dein Gefühl?
Bei der Regulierung ist das richtige Maß gefragt. Sie muss Sicherheit und Planbarkeit geben und gleichzeitig Innovation und Wettbewerb ermöglichen. Das ist ein schmaler Grat. Derzeit würde ich unterschreiben, dass kaum einer der Recycler ein profitables Geschäft betreiben kann.
Ein paar Ausnahmen gibt es dennoch. Was machen die anders?
Die zwei, drei Unternehmen, die erfolgreich damit sind, vertrauen darauf, dass der regulatorische Status Quo ihre individuellen Geschäftsmodelle schützt. Die einzige Orientierung, die die EU-Regulierung in den vergangenen zehn Jahren gegeben hat, besteht darin, dass Unternehmen sich von Europa immer mehr abwenden. Das ist dramatisch. Bei der Kreislaufwirtschaft kommt noch hinzu, dass die Marktinstrumente noch nicht vorhanden sind oder derzeit nicht greifen.
Die Nationale Kreislaufstrategie umfasst mehrere Maßnahmen, die wir an dieser Stelle gar nicht in Gänze durchgehen können. Aber lass uns vielleicht einen Punkt herausnehmen: die Digitalisierung. Wie kann diese dabei helfen, die hochgesteckten Ziele zu erreichen?
Die Digitalisierung ist ein ganz wichtiger Schlüssel. Sie kann dabei helfen, die Komplexität bei den Abfallströmen besser zu verstehen und diese besser zu organisieren. Sie kann helfen digitale Handelsplattformen aufzubauen, um mit Rezyklaten zu handeln und auch Nachweise zu erbringen. Gleichzeitig kann es in der Forschung gelingen, die Materialvielfalt wieder zu reduzieren, bei hoher Performance die Produkte einfacher zu gestalten und Transparenz über Inhalt, Lebenszyklus, Verbleib und Recyclingtechnologien zu ermöglichen.
Zum Schluss: Der Umweltminister sagt selbst, dass die Vorhaben einen langen Atem benötigen. Du kennst die Kunststoffindustrie gut, du weißt, wie sie tickt und wie es ihr geht. Hat sie diesen langen Atem?
Das wünsche ich der Industrie sehr. Aber ich sehe das zunehmen mit Sorge. Vielen Unternehmen, insbesondere im Mittelstand, ist längst die Puste ausgegangen. Diese Arbeitsplätze, diese Anlagen und diese Ideen, kommen nicht wieder. Gleichzeitig gibt es Unternehmen, die nun endlich wieder eine deutliche Auftragszunahme erkennen und zuversichtlich in das Jahr 2026 starten.
Vielen Dank für das Gespräch und den Wein!
Info
(Bild: PlastXnow/me)
Der Wein zur Folge
In einem mittleren Rubinrot leuchtet der B di Braida im Glas. Zurückhaltend offenbaren sich die Fruchtnoten von saftiger, reifer Pflaume im Duft, der mehr von Zartbitterschokolade, Kakao und Walnussschale geprägt ist. Im Mund gewinnt der Wein an Fülle und bringt Umami-Töne hervor, erdige, jodige Noten, die sich um die dunkle Frucht legen. Erfrischende Säure gibt dem B di Braida Schwung und elegante Länge.
Der Videocast „WINe O’Clock – Die Business After Hour“ ist eine Gemeinschaftsproduktion der Medienmarken im WIN Verlag. Alle Folgen finden Sie auf Youtube.
Stand: 16.12.2025
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