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Indiens Kunststoffsektor nach der Plastindia 2026 Vom Volumenmarkt zum globalen Systemakteur

Von von Dr. Louisa Desel, CEO und Co-Founder der OSPHIM GmbH 3 min Lesedauer

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Die Plastindia 2026 zeigte vor allem eines: Indiens Kunststoffindustrie ist aus dem Schatten eines reinen Kostenstandorts herausgetreten. Vor Ort tritt die Branche selbstbewusst entlang der gesamten Wertschöpfungskette, vom Rohmaterial bis zum hochspezialisierten Endprodukt, auf. Die Messe war kein Schaufenster einzelner Unternehmen, sondern eine Standorterklärung.

Auf der Fachmesse Plastindia 2026 positioniert sich Indien als zentraler Knotenpunkt für globale Kunststofflieferketten(Bild:  Plastindia)
Auf der Fachmesse Plastindia 2026 positioniert sich Indien als zentraler Knotenpunkt für globale Kunststofflieferketten
(Bild: Plastindia)

Mit einer erwarteten Kunststoffnachfrage von über 28 Mio. t in 2025 und einer Perspektive von mehr als 42 Mio. t bis 2031 positioniert sich Indien als Schlüsselakteur für globale Lieferketten, insbesondere in den Bereichen Verpackung, Automotive, Medizintechnik, Konsumgüter und Bauanwendungen. Dieses Wachstum ist Ausdruck einer breiteren industriepolitischen Strategie: Produktionsanreize, Infrastrukturprogramme und eine junge, technikaffine Bevölkerung schaffen strukturelle Vorteile.

Über 3.000 Exporteure beliefern mehr als 200 Länder. Zu den wichtigsten Absatzmärkten zählen die USA, die Vereinigten Arabischen Emirate, Europa, Großbritannien und China. In einem globalen Umfeld, das zunehmend durch Handelsabkommen, geopolitische Blockbildung und regulatorische Fragmentierung geprägt ist, wird diese Internationalisierung zum Wettbewerbsvorteil, aber auch zur Belastungsprobe. Handelsabkommen zwischen Indien und der Europäischen Union sowie parallele Verhandlungen mit den USA verändern die Spielräume für Zölle, Investitionen und Technologietransfer. Wer global liefern will, muss regulatorisch anschlussfähig sein.

Strenge Quoten für Rezyklatanteile

Das dominierende Leitthema der Messe war Nachhaltigkeit: Recyclinglösungen, Kreislaufwirtschaft und Energieeffizienz standen auf der Plastindia im Fokus. In einem volumenstarken Markt mit hoher Preissensibilität ist Materialeffizienz eine Kostenfrage. Gleichzeitig verlangen internationale Abnehmer Transparenz, Rückverfolgbarkeit und ESG-Konformität. Nachhaltigkeit wird so zum Exportkriterium.

Dr. Louisa Desel
CEO und Co-Founder der OSPHIM GmbH

Bildquelle: OSPHIM GmbH

Besonders bemerkenswert ist die regulatorische Dynamik, denn seit 2025 schreibt die indische Regierung für starre Verpackungen einen Anteil von 30 Prozent Post-Consumer-Rezyklat vor, der bis 2028 auf 60 Prozent steigen soll. International zählt dies zu den ambitioniertesten Ziel-setzungen in diesem Segment. Nachhaltigkeit ist damit weniger ein Marketinginstrument als eine politische Vorgabe mit direkten Auswirkungen auf Produktionsprozesse, Materialqualität und Lieferketten.

Die digitale Lücke im industriellen Kern

Was hingegen auffiel, war die vergleichsweise geringe Sichtbarkeit industrieller KI-Anwendungen. Automatisierung war präsent, ebenso wie robuste Maschinenkonzepte, doch datengetriebene Prozessintelligenz spielten eher eine untergeordnete Rolle. Das mag strukturell erklärbar sein: Wachsende Industrien priorisieren zunächst Kapazitätsaufbau und Standardisierung. Doch mit steigender Komplexität, insbesondere durch höhere Rezyklatanteile und internationale Qualitätsanforderungen, wächst der Bedarf an stabilen, lernfähigen Produktionssystemen.

Das Treffen von Bundesdigitalminister Karsten Wildberger mit seinem indischen Amtskollegen Ashwini Vaishnaw am Rande des KI-Gipfels in Neu-Delhi unterstreicht die strategische Bedeutung dieser Entwicklung für beide Länder. Sowohl Indien als auch Deutschland hängen bei der Zukunftstechnologie aktuell zurück. Gemeinsam möchte man diese Lücke nun durch eine vertiefende Kooperation und konkreten wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Projekten schließen.

Indien plant KI-Infrastrukturinvestitionen von 200 Mrd. Dollar und verfügt über eine enorme Anzahl an IT-Fachkräften. Davon könnte auch die deutsche Technologielandschaft zukünftig profitieren. Geplant sind unter anderem gemeinsame Innovationsvorhaben sowie institutionelle Anlaufstellen, die die Mobilität indischer Studierender und Fachkräfte erleichtern sollen.

In den letzten Jahren hat Indien bereits bewiesen, dass es in der Lage ist, digitale Infrastrukturen in enormer Geschwindigkeit und Breite auszurollen und Milliarden Menschen an digitale Systeme anzubinden. Diese Kompetenz im Aufbau skalierbarer Digitalarchitekturen trifft nun auf deutsche Industrie- und Produktionsexpertise. Sollte es gelingen, diese Stärken systematisch zu verbinden, könnte die Integration von KI in industrielle Prozesse deutlich beschleunigt werden – gerade in exportorientierten Branchen wie der Kunststoffindustrie.

Zwischen Skalierung und Reife

Indien päsentiert sich auf der Plastindia als ein Land im industriellen Aufbruch. Wachstum ist gesetzt, Exportstrategie etabliert, Nachhaltigkeit operationalisiert. Der nächste Schritt ist anspruchsvoller: die systematische Verbindung von industrieller Breite mit digitaler Intelligenz. Gelingt dieser Übergang, könnte Indien nicht nur seine Marktanteile ausbauen, sondern die Spielregeln in Teilen der globalen Kunststoffindustrie mitbestimmen. Bleibt die digitale Integration fragmentiert, droht eine strukturelle Lücke zwischen Volumen und Wertschöpfungstiefe.

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