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Vorschau zur PIAE in Baden-Baden Kreislaufwirtschaft und
E-Mobilität prägen das Auto

Von Dipl.-Ing. Annedore Bose-Munde 4 min Lesedauer

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Die Automobilindustrie durchläuft ihre größte Transformation: Nachhaltigkeit, neue Regularien und E-Mobilität erfordern neue Kunststofflösungen. Auf dem Fachkongress PIAE präsentieren Experten aus OEMs und Zulieferindustrie wegweisende Entwicklungen – von Post-Consumer-Rezyklaten über standardisierte Materialkreisläufe bis zu Hochvoltbatterien.

Audi Sport präsentiert auf der PIAE 2026 den Audi RS Q e-tron, der 2024 das erstes Auto mit elektrischem Antrieb, Hochvoltbatterie und Energiewandler die Rallye Dakar gewonnen hat.(Bild:  Audi Sport)
Audi Sport präsentiert auf der PIAE 2026 den Audi RS Q e-tron, der 2024 das erstes Auto mit elektrischem Antrieb, Hochvoltbatterie und Energiewandler die Rallye Dakar gewonnen hat.
(Bild: Audi Sport)

Seit über vier Jahrzehnten gilt der internationale VDI-Fachkongress PIAE (Plastics in Automotive Engineering) als zentrale Plattform für Kunststoffe im Automobilbau. Am 18. und 19. März 2025 trifft sich die Branche erstmals im Kongresshaus Baden-Baden, um aktuelle Herausforderungen und Lösungsansätze zu diskutieren.

Branchentreff in Zeiten des Wandels

Thomas Drescher, Leitung Vorentwicklung und Fahrzeugbeurteilung im Bodysystem bei Volkswagen und erneut Kongressleiter, betont die Bedeutung des Austauschs: „Gerade jetzt, in Zeiten von steigendem Wettbewerbs- und Kostendruck in der Automobilindustrie, ist es wichtiger denn je, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und sich zu vernetzen."

Prof. Dr. Stefan Bratzel, Gründer und Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach (Bild:  CAM)
Prof. Dr. Stefan Bratzel, Gründer und Direktor des Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach
(Bild: CAM)

Die Dimension des Umbruchs unterstreicht Prof. Dr. Stefan Bratzel, Gründer und Direktor des Center of Automotive Management (CAM): „Die Automobilindustrie befindet sich inmitten der größten Transformation ihrer Geschichte und ist gleichzeitig mit einer hohen Volatilität des Umfelds konfrontiert. Disruptive Veränderungen führen zu neuen Erfolgsbedingungen der Branche."

Post-Consumer-Rezyklate erobern Sichtbauteile

Ein zentrales Kongressthema sind neue Materialien, um Effizienz, Designfreiheit und Klimaneutralität vorantreiben. Besonders im Fokus: der Einsatz von Post-Consumer-Rezyklaten auch in anspruchsvollen Anwendungen.

Simone Börner, Spezialist Werkstoffentwicklung bei der BMW Group, und Michael Büdinger, Business Development Manager bei Lyondell Basell, präsentieren die Entwicklung von Post-Consumer-Rezyklaten maritimen Ursprungs für Sichtbauteile im Fahrzeuginnenraum. Sie zeigen, dass Nachhaltigkeit und Premiumqualität keine Gegensätze mehr darstellen.

Rezyklate sind gekommen, um zu bleiben

„Rezyklate sind gekommen, um zu bleiben", konstatiert Hartmut Häberle, Technische Beratung Kunststoffanwendungen bei der Traton Group R&D Germany. Am Beispiel der Windleitblende des MAN TG3 demonstriert er, dass selbst lackierte Bauteile in 1.000 verschiedenen Farben pro Jahr mit Rezyklaten realisierbar sind. Das eingesetzte PC/ABS weist dabei einen postindustriellen Rezyklatgehalt von 65 % auf.

VDA schafft Standards für Materialkreisläufe

Die Reduzierung des CO₂-Fußabdrucks und die Schonung natürlicher Ressourcen werden zunehmend durch regulatorische Anforderungen wie die EU-Altfahrzeug-Richtlinie vorangetrieben. Um Klarheit in der komplexen automobilen Lieferkette zu schaffen, hat der Verband der Automobilindustrie e.V. (VDA) eine wegweisende Initiative gestartet.

Einen Ansatz des VDA für ein gemeinsames Verständnis nachhaltiger und kreislauffähiger Materialien entlang der gesamten Wertschöpfungskette werden Janina Nizol, Frank Fischer und Prof. Dr.-Ing. Peter Weidinger (v.l.n.r) vorstellen
(Bild: Automotive Circle)

„Für ein klares Verständnis entlang der automobilen Lieferkette fehlen heute jedoch noch einheitliche Begrifflichkeiten und transparente Darstellungen zu Materialkreisläufen, beispielsweise zum Einsatz von Rezyklaten im Fahrzeugbau", erklärt Janina Nizol, Spezialistin Nachhaltigkeit bei BMW und Leiterin der VDA-Arbeitsgruppe „Glossar“.

Gemeinsam mit Frank Fischer von Audi und Prof. Dr.-Ing. Peter Weidinger von Brose Fahrzeugteile präsentieren sie die neue VDA-Empfehlung 268. Fischer, stellvertretender Vorsitzender der VDA-Projektgruppe, erläutert den Ansatz: „Erstmals wird versucht, für die wichtigsten Werkstoffgruppen, also Kunststoffe, Stahl/Eisen, Aluminium und Kupfer, die relevanten Prozesse vom Rohstoff bis zum fertigen Bauteil sowie die zugehörigen Sekundärströme inklusive Recycling-Prozessen in Form von Materialkreislaufbildern in übersichtlicher Form zu beschreiben.“

Ausschnitt aus dem Kunststoffkreislaufbild der VDA-Projektgruppe „Werkstoffe aus umweltschonender und CO₂-reduzierter Herstellung“.(Bild:  VDA)
Ausschnitt aus dem Kunststoffkreislaufbild der VDA-Projektgruppe „Werkstoffe aus umweltschonender und CO₂-reduzierter Herstellung“.
(Bild: VDA)

Die Empfehlung differenziert zwischen verschiedenen Rezyklatquellen wie Pre- oder Post-Consumer-Materialien sowie automotive- und non-automotive-Stoffströmen. „Durch eine konsequente Nutzung der VDA-Empfehlung 268 können durch eine vereinheitlichte Kommunikation innerhalb der Automobilunternehmen und an allen Schnittstellen entlang der komplexen Lieferkette künftige Zusatzaufwände deutlich reduziert werden", betont Weidinger, Vorsitzender der VDA-Projektgruppe.

Naturfaserverbunde werden kreislauffähig

Auch bei der Entwicklung neuer Materialien rücken Kreislaufkonzepte in den Mittelpunkt. Thies Falko Pithan, Bereichsleiter Werkstofftechnik/Neue Materialien am Kunststoff-Institut Lüdenscheid, untersucht die Zirkularität naturfaserverstärkter Compounds: „Die Kreislauffähigkeit von neuen Materialien wird in der Zukunft mit dem Erfolg dieser Materialgruppe am Markt einhergehen. Deswegen ist es jetzt wichtig, die Materialmodifikationen hinsichtlich der Stabilisierung naturfaserverstärkter Werkstoffe zu untersuchen."

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Darstellung einer Kreislaufstudie über die Verarbeitungsstufen anhand von Polypropylen mit Naturfasern.
(Bild: Kunststoff-Institut Lüdenscheid)

Seine systematischen Untersuchungen zur Recyclingfähigkeit technischer Naturfasercompounds im Bereich Hanf, Cellulose und Flachs zeigen beeindruckende Ergebnisse: Ein Vergleich in Ecoinvent belegt, dass virgin PP mit Flachs gegenüber reinem virgin PP eine CO₂-Reduktion um 50 % ermöglicht. „Zukünftig sind auch im Automobilbereich viele Anwendungen denkbar, die eng mit der Kreislauffähigkeit verknüpft sind, insbesondere im Automobilinnenraum", erklärt Pithan.

FEM-Simulation als Nachhaltigkeitstreiber

Einen oft unterschätzten Beitrag zur Nachhaltigkeit identifiziert Hartmut Häberle: „Auch die FEM-Simulation hat stark zur Nachhaltigkeit beigetragen. Wir können heute deutlich besser auf den Punkt konstruieren. Als diese Berechnungen noch nicht möglich waren, mussten große Sicherheitsmargen an Material eingeplant werden.“

Am Beispiel der SMC-Stoßfänger von MAN demonstriert er die Entwicklung von 1986 bis 2007: Die Bauteile wurden kontinuierlich größer, aber im Verhältnis zur Fläche immer leichter. „Dies war nur durch die FEM-Berechnung möglich“, unterstreicht Häberle.

E-Mobilität erobert den Motorsport

Dr. Ing. Leonardo Pascali, Leiter Performance Projekte bei der Audi Sport.(Bild:  Audi Sport)
Dr. Ing. Leonardo Pascali, Leiter Performance Projekte bei der Audi Sport.
(Bild: Audi Sport)

Die Leistungsfähigkeit elektrischer Antriebe beweist sich inzwischen auch unter Extrembedingungen. Dr. Ing. Leonardo Pascali, Leiter Performance Projekte bei Audi Sport, präsentiert den Audi RS Q e-tron, der 2024 als erstes Fahrzeug mit elektrischem Antrieb, Hochvoltbatterie und Energiewandler die legendäre Rallye Dakar gewann.

„Mit diesem Projekt hat Audi bewiesen, dass das Unternehmen alternative Technologien, die für den Rennsport zunächst unkonventionell waren, erfolgreich einsetzen und in die anspruchsvolle Welt des Hochleistungsmotorsports integrieren kann", resümiert Pascali.

Neue Formate erweitern Kongressprogramm

Die PIAE 2026 wartet mit mehreren Neuerungen auf: Eine Parallel-Konferenz widmet sich am 18. und 19. März dem Thema „Hochvoltbatterien in E-Fahrzeugen". „Hochvoltbatterien sind der Schlüssel für Reichweite, Sicherheit, Schnellladefähigkeit und Nachhaltigkeit künftiger Elektrofahrzeuge", erläutert Niklas Franz, Product Manager Automotive beim VDI-Wissensforum. „Konkrete Anwendungsbeispiele zeigen neue Materialien, effizientes Thermomanagement und moderne Sicherheits-Konzepte, die die Zukunft der Hochvoltbatterie definieren.“

Niklas Franz, Product Manager Automotive bei der VDI-Wissensforum.
(Bild: VDI-Wissensforum)

Zusätzlich bieten vertiefende Spotlight-Sessions zu PU-Beschichtungen, Stoffkreisläufen, Rohstoffsicherheit und Regulatorik fokussierte Einblicke. Die Tecpart-Innovationspreisträger präsentieren ihre auf der Kunststoffmesse K im Oktober 2025 prämierten Bauteile und geben praxisnahe Einblicke in aktuelle Entwicklungen.