In Baden-Baden diskutierte die Automobilwelt über die Zukunft der Kunststoffe unter dem Druck der neuen EU-Regulatorik. Während die Technik für hochwertige Rezyklate bereitsteht, warnen Experten vor massiven Versorgungslücken beim Schlüsselwerkstoff Polypropylen. Die Branche sucht nun den Schulterschluss zwischen Design, Prozessstabilität und Recyclingfähigkeit.
Der Leitkongress für Kunststoffe im Automobilbau, die PIAE, hat sich am 18. und 19. März 2026 am neuen Veranstaltungsort in Baden-Baden präsentiert.
(Bild: VDI-Wissensforum)
Bewährt, vertraut und doch in vielerlei Hinsicht vollkommen neu: Der Leitkongress für Kunststoffe im Automobilbau, die PIAE (Plastics in Automotive Engineering), hat sich am 18. und 19. März 2026 am neuen Veranstaltungsort in Baden-Baden mit einem geschärften Profil präsentiert. Rund 550 Expertinnen und Experten aus Wissenschaft und Forschung sowie von OEMs und Zulieferern nutzten die Plattform, um Antworten auf die neue EU-Altfahrzeugverordnung zu finden, welche die Branche vor enorme Herausforderungen bei der Materialwahl und Prozessführung stellt.
Verbindliche Quoten erhöhen den Investitionsdruck
Die Ende Februar 2026 final verabschiedete ELVR (End-of-Life Vehicles Regulation) setzt ambitionierte Ziele: Sechs Jahre nach Inkrafttreten müssen Kunststoffkomponenten neuer Modelle mindestens 15 % recyceltes Material enthalten; nach zehn Jahren steigt diese Quote auf 25 %. Besonders kritisch für Verarbeiter: Ein Fünftel dieses Anteils muss zwingend aus dem Car-to-Car-Recycling stammen. „Die zunehmende Regulatorik im Bereich End-of-Life-Vehicles zwingt die Automobilindustrie, Design- und Materialentscheidungen neu zu bewerten“, erklärte Dipl.-Ing. Thomas Drescher, Kongressleiter und Leiter Vorentwicklung bei Volkswagen, im Rahmen einer Pressekonferenz.
Auftakt in Baden-Baden: Kongressleiter Thomas Drescher (Volkswagen AG) begrüßte am 18. März rund 550 Expertinnen und Experten zur PIAE 2026.
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Für die Erzeuger und Verarbeiter bedeutet dies einen massiven Anpassungszwang. Eine aktuelle BKV-Studie warnt bereits vor einer gravierenden Versorgungslücke. Vor allem beim Schlüsselwerkstoff Polypropylen (PP), der bis zu 50 % der Kunststoffmasse moderner Fahrzeuge ausmacht, könnte es eng werden. Die Automobilindustrie müsste allein rund 45 % der gesamten Marktmenge an PP-Rezyklaten beanspruchen, um die gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen.
„Um das gesamte Ressourcenpotenzial des Altautomobilsektors effektiv zu nutzen, braucht es dringend Investitionen in effiziente Rücknahmesysteme, moderne Sammel- und Sortiertechnologien sowie in den Ausbau innovativer Recyclingverfahren“, betonte Dr. Aliaksandra Shuliakevich vom Verband Plastics Europe Deutschland.
Die Sicherung von Rohstoffquellen wird für Automobilhersteller und Zulieferer zunehmend zur strategischen Überlebensfrage, da die Erfüllung der künftigen Recyclingquoten eine frühzeitige Weichenstellung erfordert. Für die Unternehmen bedeutet dies einen massiven Anpassungs- und Investitionsdruck, um sich bereits heute den Zugriff auf begrenzte Materialströme zu sichern.Daher rücken strategische Partnerschaften entlang der gesamten Wertschöpfungskette sowie der Aufbau eigener Recycling-Kompetenzzentren, wie etwa das von Volkswagen geplante Zentrum in Zwickau zur automatisierten Demontage von Elektrofahrzeugen, in den Fokus der Industrie.
Qualitätsanmutung als Grenze der Kreislaufwirtschaft?
Ein zentrales Thema in Baden-Baden war die Diskrepanz zwischen nachhaltigem Materialeinsatz und der vom Kunden wahrgenommenen Wertigkeit. Eine Umfrage des Automobil-Journalisten Alexander Bloch unter 3.000 Teilnehmenden ergab ein ernüchterndes Bild: 74 % der Befragten nehmen die Interieurqualität heute als schlechter wahr als früher, wobei insbesondere Hartkunststoffe (53 %) und Klavierlackflächen (31 %) als „billig“ empfunden werden.
Zentraler Treffpunkt der Kunststoff-Community: Das vollbesetzte Auditorium verdeutlichte die hohe Relevanz des Kongresses für den Austausch zwischen Wissenschaft, OEMs und Zulieferern über die Zukunft der Kreislaufwirtschaft.
(Bild: VDI-Wissensforum)
Hier setzt das Konzept des „Design for Recycling“ an. Thomas Drescher betonte dazu: „Design for Recycling darf nicht als nachgelagerte Prüfung verstanden werden, sondern muss frühzeitig in den Entwicklungsprozess integriert werden.“ Laut Drescher sind Design für Recycling und Premium-Anmutung kein Widerspruch, müssen jedoch gemeinsam gedacht werden, um die ELVR-Ziele ohne Wertigkeitsverlust zu erreichen. Alexander Bloch ergänzte treffend: „Kunststoff muss nicht schlecht sein – es kommt nur darauf an, was man daraus macht.“
PP-Rezyklate im Härtetest
Wie technologisch anspruchsvoll die Integration von Post-Consumer-Rezyklaten (PCR) ist, zeigten materialtechnische Untersuchungen von Borealis. Bei lackierten Stoßfänger-Anwendungen aus PP-Compounds mit 25 % PCR-Anteil und 15 % Talkum variieren Eigenschaften wie die Defektdichte und Schlagzähigkeit erheblich je nach Rezyklatqualität.
PCR-Qualitäten aus Haushaltsabfällen können Defekte in der Lackoberfläche verursachen, weshalb Borealis auf optimiertes Compound-Design und spezielle Reinigungsschritte setzt. Dennoch zeigt die Praxis, dass hochwertige mechanisch recycelte PP-Typen wie Borcycle M heute bereits die strengen Anforderungen für Class-A-Oberflächen und Lackhaftung erfüllen können.
Wertschöpfungsketten integrieren
„Die inspirierenden Fachbeiträge und Exponate auf der PIAE bilden den idealen Rahmen zur Stärkung und Entwicklung von Netzwerken über die gesamte Wertschöpfungskette und fördern so die Findung von Recyclinglösungen für den Serieneinsatz in der Automobilindustrie“, erläuterte Dipl.-Ing. Tobias Epple, Automotive Application Marketing Manager bei Borealis.
Stand: 16.12.2025
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v. l.: Pressekonferenz mit Tobias Epple (Borealis), Alexander Bloch (Motor Presse Stuttgart) und Kongressleiter Thomas Drescher (VW): Spannungsfeld zwischen dem Einsatz von Rezyklaten und der vom Kunden wahrgenommenen Qualitätsanmutung.
(Bild: VDI-Wissensforum)
Epple betonte, dass eine funktionierende Kreislaufwirtschaft – also das Erreichen der hohen Rezyklatquoten in Neuwagen – nur möglich ist, wenn alle Partner entlang der Wertschöpfungskette (Rohstoffhersteller, Zulieferer, OEMs und Recycler) intensiv zusammenarbeiten. Epple hob hervor, dass neue Kunststofflösungen notwendig sind, um PCR-Rezyklate auch in technisch und ästhetisch anspruchsvollen Anwendungen einzusetzen, ohne die Qualitätsanmutung zu gefährden.
KI und Sensorik: Stabilität trotz Materialschwankungen
Da Rezyklate naturgemäß größere Schwankungen in der Viskosität und im Fließverhalten aufweisen als Neuware, gewinnen digitale Werkzeuge an Bedeutung. Dr.-Ing. Frank Thurner von Contech Software & Engineering präsentierte ein Engineering-KI-System, das auf Basis von Prozessdaten robuste Prozessfenster identifiziert. In einer Fallstudie an einem Hybrid-Interieurbauteil konnte so der Ausschuss von 18 % auf 2 % gesenkt werden, ohne das Werkzeug ändern zu müssen.
Auch bei der Geruchscharakterisierung, einem kritischen Punkt für PCR im Innenraum, liefert KI neue Ansätze. Vertreter von Robert Bosch präsentierten ein KI-gestütztes Gassensorsystem („elektronische Nase“), das eine Klassifizierungsgenauigkeit von über 90 % zwischen Neuware und rPP erreicht. Ziel ist es, das bisher subjektive Prüfverfahren nach dem VDA-270-Standard durch eine automatisierte und objektive Messmethode zu ersetzen, um den Serieneinsatz von Post-Consumer-Rezyklaten (PCR) im Interieur zu erleichtern.
Im Bereich der Leichtbau-Strukturen rücken thermoplastische Verbundwerkstoffe in den Fokus, die ein echtes „Closed-Loop“-Recycling ermöglichen. Ein Konsortium um Sabic, Audi und OP-Mobility demonstrierte die erfolgreiche Herstellung einer Heckklappe aus 100 % recyceltem Stamax PP-LGF (langglasfaserverstärktes Polypropylen). Durch einen mehrstufigen Prozess inklusive Pyrolyse konnten sowohl das Polymer als auch die Glasfasern zurückgewonnen und in gleicher Qualität erneut verarbeitet werden.
Monomaterialien und Trennbarkeit
Gleichzeitig findet ein Umdenken hin zu systemischer Reduktion statt. Dennis Wessels (Volkswagen) warnte vor einer „Komplexitätsfalle“: „Nachhaltigkeit beginnt nicht mit komplexen Werkzeugen, sondern mit bewussten, einfachen Designentscheidungen.“ VW setzt vermehrt auf Trennbarkeit und Monomaterialien.
Ein Beispiel ist das Spiegeldreieck einer Türverkleidung. Bislang wurde ein Akustik-Dämmschaum eingeklebt. Durch eine geometrische Änderung wird dieser Schaum nun geklemmt. Das Bauteil ist dadurch sortenrein, werkzeuglos trennbar und die Akustikfunktion bleibt unverändert.
Škoda verfolgt den Ansatz, Bauteile aus einer einzigen Materialfamilie zu fertigen. Die Strategie zielt darauf ab, die mechanische Recyclingfähigkeit am Lebensende des Fahrzeugs zu maximieren und hochwertige geschlossene Stoffkreisläufe zu ermöglichen. Die Strategie wird bereits bei Komponenten im Interieur, bei Kofferraumlösungen sowie im Exterieur angewendet. Škoda nutzt hierfür fortschrittliches Polymer-Compounding und den gezielten Einsatz von Additiven, um die erforderliche Performance (wie Steifigkeit und Schlagzähigkeit) auch ohne Multi-Material-Strukturen zu erreichen.
PU-Beschichtungen: Innovation oder Sondermüll?
Kontrovers wurde die Rolle von PU-Beschichtungen diskutiert. Während Verfahren wie die PU-In-Mold-Beschichtung (z. B. Color Form) Prozessketten verkürzen und bis zu 60 % CO2-Einsparungen im Vergleich zur konventionellen Lackierung ermöglichen, bleibt das Recyclingproblem der duroplastischen PU-Systeme ungelöst. Volkswagen-Experten warnten davor, eine neue Generation schwer recycelbaren Sondermülls zu produzieren, falls keine funktionierenden Stoffkreisläufe – etwa über Glykolyse – etabliert werden.
In seiner Keynote „Lost in Transformation“ mahnte Prof. Dr. Stefan Bratzel (Direktor des Center of Automotive Management), dass nicht die vermeintlich Stärksten überleben werden, sondern jene Akteure, die am anpassungsfähigsten auf den rasanten Wandel reagieren.
(Bild: VDI-Wissensforum)
In seinem Statement zur Pressekonferenz resümierte Tobias Epple: „Die Kreislaufwirtschaft wird nur durch eine intensive Zusammenarbeit aller im Lebenszyklus beteiligten Prozesspartner möglich.“ Diese Erkenntnis spiegelte sich auch in der Keynote von Prof. Dr. Stefan Bratzel (Center of Automotive Management) wider. Er forderte von der Branche eine „Kultur der Resilienz“ und betonte, „dass in diesem Transformationsprozess nicht die vermeintlich Stärksten überleben, sondern die, die am anpassungsfähigsten auf den rasanten Wandel reagieren.“
Fazit für Verarbeiter
Die Kunststoffindustrie steht vor einem gewaltigen Umbruch. Die PIAE 2026 hat deutlich gemacht, dass die technische Machbarkeit von hochwertigen Rezyklaten in vielen Bereichen gegeben ist – von der stabilisierten KI-Prozessführung bis hin zum Faser-Recycling in Strukturbauteilen.
Dennoch bleibt die Verfügbarkeit von hochwertigem PCR, insbesondere PP, das Nadelöhr der Branche. Verarbeiter müssen sich auf schwankende Materialqualitäten einstellen und frühzeitig in Simulation und datengestützte Optimierung investieren, um die kommenden gesetzlichen Quoten wirtschaftlich erfüllen zu können.
Die nächste PIAE findet am 17. und 18. März 2027 erneut in Baden-Baden statt. Es bleibt abzuwarten, wie weit die Branche bis dahin die Lücke zwischen regulatorischem Anspruch und industrieller Rezyklat-Realität geschlossen hat.