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Kreislaufwirtschaft Wie gelingen effizientere Recyclingprozesse und hochwertigere Rezyklate?

Von Stefan Lenz 4 min Lesedauer

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Immer öfter fordern neue gesetzliche Vorgaben effizientere Recyclingprozesse und hochwertigere Rezyklate. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Produktdesign und Prozessintegration. Zwei Brancheninsider geben Einblick in technologische Trends, wirtschaftliche Herausforderungen und strategische Kooperationen.

Die Diskussion rund um innovative Recyclingtechnologien macht deutlich: Die stoffliche Wiederverwertung von Kunststoffen wird zur strategischen Aufgabe. (Bild:  Nico - stock.adobe.com/KI generiert)
Die Diskussion rund um innovative Recyclingtechnologien macht deutlich: Die stoffliche Wiederverwertung von Kunststoffen wird zur strategischen Aufgabe.
(Bild: Nico - stock.adobe.com/KI generiert)

Regulatorische Verschärfungen stellen die Kunststoffindustrie aktuell vor einen Wendepunkt und verändern die Spielregeln grundlegend. Zugleich rücken Nachhaltigkeit, Ressourceneffizienz und Klimaschutz stärker in den Mittelpunkt von Entwicklungs- und Investitionsentscheidungen. Michael Lackner, Geschäftsführer der Lindner-Recyclingtech GmbH, und Dr. Friedrich Kastner, CEO der BritAS-Recyclinganlagen GmbH verdeutlichen, wie sich der Markt aktuell wandelt und welche Antworten die Branche liefert.

System statt Einzelkomponente: Prozessintegration als Schlüssel

Michael Lackner skizziert einen grundlegenden Strukturwandel im Kunststoffrecycling. Wo früher Einzelmaschinen gefragt waren, dominieren heute integrierte Gesamtlösungen. „Größere Unternehmensgruppen kaufen kaum noch Einzelaggregate. Sie fragen Systeme nach, die vom Inputmaterial bis zum Regranulat reichen“, so Lackner. Dies verlange nicht nur eine tiefere Verzahnung von Sortier-, Wasch- und Extrusionsprozessen, sondern auch garantierte Qualitäten und Durchsatzleistungen.

Michael Lackner, Geschäftsführer bei Lindner: „Wir bei Lindner können die vorderen Teile der Prozesskette des Recyclings sehr gut abbilden. Also die ganzen Zerkleinerungs- und Sortierprozesse und natürlich das Waschen.“(Bild:  Lindner)
Michael Lackner, Geschäftsführer bei Lindner: „Wir bei Lindner können die vorderen Teile der Prozesskette des Recyclings sehr gut abbilden. Also die ganzen Zerkleinerungs- und Sortierprozesse und natürlich das Waschen.“
(Bild: Lindner)

Mit der Gründung des Joint Ventures BlueOne Solutions gemeinsam mit Erema hat Lindner auf diese Entwicklung reagiert. Ziel ist es, durchgängige, standardisierte Prozesse anzubieten, die Rezyklate in Qualitäten erzeugen, wie sie früher nur bei Neuware üblich waren. Dabei wird ein zunehmend wertigeres Rezyklat angestrebt – Stichwort: Equal- oder Upcycling.

Standardisierung und Verantwortung: Rezyklate mit Datenblatt

Ein zentrales Thema ist die Qualitätssicherung. „Wir brauchen Standards, die über gesetzliche Mindestanforderungen hinausgehen“, sagt Lackner. Beispielhaft nennt er die Initiative CosPaTox, die Rezyklate für den Einsatz in Kosmetikverpackungen qualifiziert. Große Markenhersteller fordern heute detaillierte Materialnachweise und Prozessdaten. Rezyklate müssen somit ähnlich wie Neuware spezifiziert sein, um die Akzeptanz in hochwertigen Anwendungen zu erhöhen. Nur mit dieser Transparenz können Unternehmen sicherstellen, dass ihr Produkt den regulatorischen und qualitativen Anforderungen entspricht.

Chemisches und mechanisches Recycling: Zwei Seiten derselben Medaille

Sowohl Lackner als auch Dr. Friedrich Kastner sehen das chemische Recycling nicht als Konkurrenz, sondern als ergänzende Technologie. Kastner betont, dass das mechanische Recycling inzwischen fähig ist, hochwertige Materialien zurückzugewinnen. Gleichzeitig gebe es Materialströme, die sich nur schwer mechanisch verarbeiten lassen. Für diese bietet das chemische Recycling eine Lösung – vorausgesetzt, das Ausgangsmaterial wird zuvor aufbereitet. „Auch beim chemischen Recycling kommt es auf eine gute Vorsortierung und Reinigung an“, so Lackner.

Produktdesign mit Blick auf das Ende

Friedrich Kastner bringt eine weitere Perspektive ein: Die Bedeutung des Produktdesigns für eine funktionierende Kreislaufwirtschaft. „Recycling muss von Anfang an mitgedacht werden“, fordert er. Sortenreinheit, reduzierte Materialvielfalt und recyclingfreundliche Konstruktionen seien essenziell, um den Wertstoff Kunststoff effizient im Kreislauf zu führen. Hier liegt auch ein Schlüssel zur Umsetzung der Vorgaben aus der EU-Altfahrzeugverordnung: Nur wenn Komponenten von vornherein recyclinggerecht konzipiert sind, lassen sie sich wirtschaftlich und ökologisch sinnvoll zurückführen.

Wirtschaftlichkeit im Spannungsfeld von Energie und Regulierung

Ein großer Stolperstein ist derzeit die Wirtschaftlichkeit. Sowohl Lindner als auch BritAS verweisen auf die stark gestiegenen Energiekosten, die die Aufbereitung verteuern. „Wenn Neuware billiger ist, wird der Markt sie kaufen“, bringt es Kastner auf den Punkt. Daher fordert er gezielte Anreize durch den Gesetzgeber – etwa in Form von Energiepreisvergünstigungen für Recycler oder einer Recyclingquote, die klar festlegt, wie viel Rezyklat in einem Produkt enthalten sein muss.

Dr. Friedrich Kastner, CEO der BritAS-Recyclinganlagen: „Ein verantwortungsvoller Einsatz von Kunststoff ist wichtig. Das beginnt schon bei der Entwicklung eines Produkts. Bereits an diesem Punkt ist es notwendig, sich Gedanken über den End-of-Life-Cycle zu machen.“
(Bild: BritAS)

Zugleich warnt Kastner vor Überregulierung und Produktionsabwanderung: „Wir dürfen nicht zulassen, dass wir durch zu hohe Auflagen die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie riskieren.“ Die Balance zwischen Ökologie und Ökonomie wird damit zur entscheidenden Stellschraube für eine erfolgreiche Umsetzung der Kreislaufwirtschaft.

Technologische Trends: Von Filtration bis Direktverarbeitung

Beide Unternehmen investieren gezielt in Technologieentwicklung. Lindner zeigt auf der kommenden K-Messe energieeffizientere Zerkleinerungslösungen, neue Wartungskonzepte und systemische Prozessoptimierungen. BritAS wiederum verweist auf einen Trend zur Vorwärtsintegration: Statt Regranulat zwischenzulagern, werden recycelte Materialien direkt weiterverarbeitet, etwa zu PET-Preforms. Das spart Energie und verbessert die Materialqualität.

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Parallel dazu entwickelt sich die Anlagentechnik weiter. Recyclinganlagen werden größer und leistungsfähiger, um den wachsenden Mengen gerecht zu werden. Besonders die Filtrationstechnologie ist laut Kastner ein Schlüsselfaktor für hohe Qualität und Prozesssicherheit.

Kooperation statt Konkurrenz: Der ganzheitliche Ansatz

Beide Interviews verdeutlichen: Kooperationen entlang der Prozesskette sind der zentrale Hebel, um die Herausforderungen des Recyclings zu bewältigen. Ob Lindner und Erema oder die Firmen der NGA-Gruppe – nur wenn sich Spezialisten aus verschiedenen Bereichen zusammentun, entstehen lösungsorientierte, wirtschaftlich tragfähige Konzepte für die Kunststoffindustrie.

Fazit: Verantwortung trifft Technologie

Die Diskussion rund um innovative Recyclingtechnologien macht deutlich: Die stoffliche Wiederverwertung von Kunststoffen wird zur strategischen Aufgabe. Technologische Exzellenz, wirtschaftliche Tragfähigkeit und regulatorische Anforderungen müssen miteinander in Einklang gebracht werden. Die Branche steht bereit, doch die Rahmenbedingungen müssen stimmen. Nur dann wird die Vision einer nachhaltigen Kunststoffwirtschaft Wirklichkeit.