Interview Farbe wird zum Resonanzraum für Emotionen

Von Jessica Knoch 4 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Wie entstehen Farbtrends 2027 für Kunststoffe? Im Interview erklärt Mine Görgülü, wie globale Entwicklungen zu Farbtrends für die Kunststoffindustrie werden und warum The Human Re:Set 2027 für Marken neue Inspirationen bietet.

Die Farbneuheiten 2027 bringen deutliche Verschiebungen mit sich. Warme, emotionale Töne dominieren das Gesamtbild.(Bild:  Lifocolor)
Die Farbneuheiten 2027 bringen deutliche Verschiebungen mit sich. Warme, emotionale Töne dominieren das Gesamtbild.
(Bild: Lifocolor)

Mit der Trendkollektion „Shades of Inspiration 2027“ wirft Lifocolor einen Blick in die Zukunft der Farbgestaltung. Unter dem Leitmotiv „The Human Re:Set“ stehen 54 Nuancen bereit, die Antworten auf einen komplexen Zeitgeist geben. Im Interview erläutert Mine Görgülü, Marketingmanagerin bei Lifocolor und Projektleiterin der Trendserie, wie Weltgeschehen in Granulat übersetzt wird, welche Branchen jetzt besonders profitieren und warum Unternehmen Trends als Inspiration und nicht als Diktat verstehen sollten.

Frau Görgülü, das Motto der neuen Kollektion für 2027 lautet „The Human Re:Set“. Das klingt beinahe philosophisch. Wie ordnen Sie diesen Begriff ein?

Mine Görgülü: „Wir nehmen wahr, dass Tempo und Intensität der Veränderungen politisch, technologisch und gesellschaftlich enorm zugenommen haben. Viele Menschen fühlen sich rastlos, beinahe in einem dauerhaften ‚Alarmzustand‘. Unser Leitmotiv The Human Re:Set greift genau diese Sehnsucht nach einem Wendepunkt auf: Es geht um das Innehalten, das Neusortieren, den Wunsch, den Reset-Knopf zu drücken. Farben sind künftig weit mehr als Dekoration am POS. Sie werden zum Resonanzraum für Emotionen. Sie können erden, beruhigen oder neue Energie schenken. Wir versuchen, dieses intensivere Verhältnis zu Farbe in unserer Kollektion sichtbar zu machen.“

Ein Blick hinter die Kulissen: Wie entstehen solche Prognosen eigentlich? Woher weiß man heute, was 2027 relevant sein wird?

Görgülü: „Farbtrends entstehen nicht zufällig. Sie sind das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels kultureller, wirtschaftlicher und technologischer Entwicklungen. Trendagenturen, Soziologen und Marktforscher beobachten globale Strömungen in Mode, Architektur, Kunst und Popkultur. Bei Lifocolor arbeiten wir eng mit internationalen Instituten wie Peclairs und der ‚Colour Marketing Group‘ zusammen.

Wir nehmen wahr, dass Tempo und Intensität der Veränderungen politisch, technologisch und gesellschaftlich enorm zugenommen haben.

Gremien mit Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Bereichen diskutieren in den Monaten vorher die globale Stimmung, spotten Erfindungen und neueste Produktentwicklungen sowie Trendsetter, die mehr oder weniger gegen den Strom schwimmen. Manche neuen Ideen haben dann das Zeug, eine breitere Masse zu begeistern, die Abwechslung sucht. Diese externen Impulse verdichten wir anschließend in einem internen Kreativprozess. Wir fragen uns: Was bedeutet dieser globale Megatrend konkret für unsere Kunden und die Kunststoffbranche? So entsteht unsere eigene Trendwelt, die ‚Shades of Inspiration‘.“

Wenn Sie uns schon jetzt in das Jahr 2027 mitnehmen: Wie fühlt sich die Zukunft an und vor allem: Wie sieht sie in Farben ausgedrückt aus?

Görgülü: „Tatsächlich erleben wir eine spannende Verschiebung hin zu mehr Wärme und Leichtigkeit. Neben pigmentierten Naturfarben sind die Neutraltöne sehr stark ausgeprägt, wie zum Beispiel Offwhite-, Beige- und Graunuancen. Helle Gelb- und Orangenuancen rücken in den Chroma-Fokus und stehen für Lebensfreude und Selbstermächtigung. Rot- und Brauntöne werden tiefer und vielschichtiger, während Grün seine reine ‚Recycling-Optik‘ ablegt und sich hin zu lebendigen, regenerativen Tönen entwickelt. Blau verliert etwas seine Dominanz, wird dafür aber klarer. Natürlich bleiben uns durch die Digitalisierung auch kühle, futuristische Pastelle erhalten. Aber der Grundton ist eindeutig emotionaler: Wir wollen wieder mehr spüren.“

Sie haben diese Strömungen in vier Themenwelten gegliedert. Wen sprechen diese an?

Görgülü: „Wir decken hier ganz unterschiedliche Bedürfnisse ab. Bei den ‚Radiant Rebels‘ feiern wir den Mut und die Experimentierfreude mit starken Kontrasten. ‚Structured Ease‘ bildet den Gegenpol für Menschen, die Ordnung und Funktionalität suchen. In ‚Cultural Weave‘ erzählen wir Geschichten von Herkunft und Tradition mittels warmer, pigmentartiger Farben. Und ‚Velvet Tomorrow‘ bietet mit zarten Pastellen und samtigen Haptiken einen emotionalen Rückzugsort. Diese Parallelität ist wichtig, denn in unserer pluralistischen Welt gibt es nicht mehr ‚die eine‘ Trendfarbe für alle.“

Für welche Branchen ist dieser Blick in die Zukunft besonders entscheidend?

Görgülü: „Besonders profitieren Branchen mit starkem Endverbraucherfokus und schnelleren Produktlebenszyklen, also unter anderem Kosmetik, Haushaltswaren, Verpackungen oder die Spielwarenindustrie. Hier beeinflussen Farben die Kaufentscheidung sehr direkt und sind ein wichtiges Differenzierungsmerkmal im Regal. In eher technischen Bereichen wie dem Maschinenbau oder der Medizintechnik steht oft die Funktionalität im Vordergrund. Aber auch hier sehen wir, dass Designaspekte an Bedeutung gewinnen.“

Was raten Sie Marken und Herstellern, die aktuelle Farbtrends für sich nutzen möchten?

Görgülü: „Farbtrends sollten als Inspirationsquelle dienen, nicht als starres Diktat. Oft ist es nicht sinnvoll, eine Farbe eins zu eins zu kopieren, nur weil sie gerade ‚in‘ ist. Entscheidend ist die Frage: Passt dieser Ton zu meiner Markenidentität und meiner Zielgruppe? Oft geht es um Nuancierungen, um sich vom Wettbewerb abzuheben. Zudem darf der technische Aspekt nicht vergessen werden. Nicht jede Trendfarbe lässt sich in jedem Kunststoff oder bei jeder Verarbeitungstemperatur gleichermaßen einfach umsetzen. Hier verstehen wir uns als Partner: Wir unterstützen unsere Kunden dabei, eine Farbe zu finden, die den Nerv der Zeit trifft, aber auch technisch und regulatorisch einwandfrei funktioniert.“

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung