Bereits seit 50 Jahren werden mit dem Negativpreis Plagiarius Fälschungen ausgezeichnet. Mittlerweile füllen die Gewinner ein ganzes Museum. Wir blicken auf die Anfänge sowie die Idee zurück und zeigen, welche Produkte aus Kunststoff 2026 zu den Opfern zählten.
Ein Tsunami an Fälschungen: Die Koziol-Plagiate gehören seit Jahren zu den Preisträgern des Plagiarius. Das Besteck aus Kunststoff findet 2026 direkt mehrere Nachahmer.
(Bild: Aktion Plagiarius e.V.)
Die Aktion Plagiarius hat Anfang Februar zum 50. Mal ihren gleichnamigen Negativpreis an Hersteller und Händler besonders dreister Plagiate und Fälschungen verliehen. Die Preisverleihung fand im Rahmen einer Pressekonferenz auf der Frankfurter Konsumgütermesse Ambiente statt. Bevor die jährlich wechselnde Jury die Preisträger auswählt, erhalten alle Nominierten die Gelegenheit zur Stellungnahme.
Den Initiatoren ist es wichtig zu betonen: „Die Auszeichnung mit dem Plagiarius sagt nichts darüber aus, ob ein nachgeahmtes Produkt im rechtlichen Sinne zulässig oder rechtswidrig ist. Die Aktion kann kein Recht sprechen. Sie darf aber die Meinung äußern, dass plumpe 1:1 Nachahmungen, die einem Originalprodukt bewusst täuschend ähnlichsehen, rücksichtslos und moralisch verwerflich sind.“
Wertschätzung für kreative Leistungen und Innovationen
Ziel sei es immer gewesen, Bewusstsein für den Wert geistigen Eigentums zu schaffen und die Innovationskraft von Unternehmen und Kreativen zu stärken. Dafür rückt der Plagiarius die fragwürdigen Geschäftsmethoden von Fälschern ins öffentliche Bewusstsein und sensibilisiert Industrie, Politik und Verbraucher praxisnah für die Problematik.
(Bild: Aktion Plagiarius e.V.)
Insbesondere bei Produkten für Neugeborene steht Sicherheit an erster Stelle. So bestehen die Philips Avent Flaschen (links) aus BPA-freiem Kunststoff, sind geruchs- und geschmacksneutral.
Die Aveat-Fälschungen (rechts) wurden in China hergestellt und online, über Social Media sowie vor Ort in Lateinamerika, Nigeria und Südostasien vertrieben. Laut Verpackung sind sie ebenfalls BPA-frei. Der extrem niedrige Preis – ein Fünftel des Originals – sowie Fotos aus den Fabriken der Fälscher lassen an der Qualität und Eignung als Babyprodukt zweifeln.
Anhand der Plagiatsfälle betroffener Firmen beleuchtet der Verein Schäden, Risiken und Hintergründe sowie unterschiedliche Facetten von Produkt- und Markenpiraterie. Trophäe des Schmähpreises ist ein schwarzer Zwerg mit goldener Nase. Letztere symbolisiere die immensen Profite, die ideenlose Nachahmer auf Kosten von Kreativwirtschaft und Industrie erzielen.
Erfolgreiche Abschreckung durch Öffentlichkeit
Mit dem „Plagiarius“ rief Industriedesigner Rido Busse (1934 bis 2021) eine Initiative ins Leben, die in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung, Social Media sowie künstlicher Intelligenz (KI) aktueller denn je ist. Er hatte früh erkannt, dass es für Wohlstand und Wettbewerbsfähigkeit einer Volkswirtschaft unabdingbar ist, kreative Ideen und Know-how zu fördern und zu schützen.
Mit konstanter Presse- und Öffentlichkeitsarbeit, praxisnahen Ausstellungen und Vorträgen sowie über die hohe Medienpräsenz und Reichweite hat die Aktion Plagiarius maßgeblich zur Sensibilisierung der Öffentlichkeit beigetragen. Zu den Erfolgen zählen ein verbesserter Designschutz, die Strafbarkeit des Handels sowie ein gesteigertes Bewusstsein und Anmelden von gewerblichen Schutzrechten; auch auf internationalen Märkten.
(Bild: Aktion Plagiarius e.V.)
Wie eine Tsunamiwelle überfluten Billigplagiate die erfolgreichen Besteck-Sets „Klikk“ und „Klick Pocket“ von Koziol. Die Original-Bestecke (vorn) sind kompakt, robust und werden bei Koziol in Erbach/Odenwald hergestellt. Das Material ist spülmaschinengeeignet, lebensmittelecht und zu 100 % recycelbar.
Die Bestecke wurden seit ihrer Markteinführung zigfach kopiert (in Welle), unzählige Nachahmer und Onlinehändler wurden abgemahnt. Besonders uneinsichtig: der Plattformbetreiber Alibaba. Gemäß dem EU-weiten Designschutz werden rechtsverletzende Angebote zwar entfernt, aktiv und automatisch durch KI unterbunden werden sie jedoch nicht.
Die instabilen Billigplagiate liegen 80 bis 95 % unter dem Originalpreis. Ob sie hinsichtlich des Materials und der Sicherheit den europäischen Vorschriften entsprechen, sei mehr als fragwürdig.
Zudem hat der hohe Bekanntheitsgrad des „Plagiarius“ regelmäßig seine abschreckende Wirkung gezeigt: Die Angst vor öffentlicher Blamage hat so manchen Plagiator dazu gebracht, eine Einigung mit dem Originalhersteller zu suchen und etwa Restbestände vom Markt zu nehmen, eine Unterlassungserklärung zu unterschreiben oder Lieferanten preiszugeben.
Museum Plagiarius in Solingen
Hier ist tatsächlich „alles nur geklaut“: Das Museum Plagiarius zeigt in seiner Ausstellung mehr als 350 Plagiarius-Preisträger, jeweils Original und Plagiat im direkten Vergleich. In Führungen werden Fakten und Hintergründe vermittelt, mit Klischees aufgeräumt und Besucher zum Nach- und Umdenken angeregt.
Zu den Plagiaten von 1977 bis heute gehören neben klassischen Konsum- und Haushaltsartikeln, auch Möbel, Werkzeuge, Sanitärprodukte und Spielzeug bis hin zu gefährlichen, nicht funktionierenden, Druckmessgeräten, Autofelgen, Motorsägen und Notfall-Beatmungsgeräten.
Innovationen entstehen nicht durch „Copy-Paste“
Ob attraktives Produktdesign oder innovative technische Lösung, ob Film, Musik, Mode oder Kunst – jede Entwicklung von einer ersten Idee bis zum marktreifen Produkt ist ein zeitintensiver Prozess. „In jedem Original steckt neben Kreativität, technischem Wissen und dem Anspruch an Qualität und Langlebigkeit auch Mut, da Kreativschaffende und Markenhersteller finanziell in Vorleistung gehen“, heißt es in einer aktuellen Medienmitteilung. Dieses Risiko müsse sich lohnen.
(Bild: Aktion Plagiarius e.V.)
Die „Anlehnung“ an das Busch-Jaeger Original (oben) ist eindeutig gewollt. Nicht nur Design und technische Details der „Busch-balance SI“ Serie sind fast identisch übernommen. Beworben wird die Nachahmung (unten) zudem mit „Das Schalterprogramm BBwhite, passend zu Busch-Jäger Balance Si [sic] in Alpinweiß RAL9010, bietet eine kostengünstige Option“.
Busch-Jaeger geht gerichtlich dagegen vor. Überdies hebt Handelshaus Klein in der Beschreibung seiner Nachahmung hervor, dass „die ballige Oberfläche einzigartige Designakzente ermöglicht“. Tatsächlich haben zumindest die Originalhersteller alle ihr eigenes, einzigartiges Design.
Auch der diesjährige Laudator, Dr. Hans-Jürgen Völz, BVMW-Bundesgeschäftsleiter, betonte in seiner Rede: „Innovationen sind praktisch die einzige harte Währung, mit der sich der deutsche Mittelstand im globalen Wettbewerb noch behaupten kann. Wer sich seines geistigen Eigentums unbefugt bemächtigt, untergräbt nicht nur den wirtschaftlichen Erfolg innovativer Unternehmen, sondern schädigt systematisch die Investitionsbereitschaft am Standort Deutschland.“ Der Plagiarius dokumentiere die Dreistigkeit dieser Diebstähle in einer wohltuenden Weise im Licht der Öffentlichkeit.
Stand: 16.12.2025
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Fälschungen und Billigartikel haben einen hohen Preis
Die kurzlebigen, teils gefährlich minderwertigen Nachahmungen werden mit viel krimineller Energie und ohne Rücksicht auf geltende Sicherheits- und Umweltstandards hergestellt. Besonders prekär: die ethisch fragwürdigen Bedingungen in den Fabriken. Jüngste Studien von EUIPO und OECD offenbaren, dass Fälschungen, über die enormen wirtschaftlichen Schäden hinaus, eng mit der Ausbeutung von Arbeitskräften verbunden sind, darunter Zwangsarbeit und gefährliche Kinderarbeit.
Für Unternehmen kommt erschwerend hinzu, dass Fälscher immer professioneller und digitaler agieren sowie global vernetzt sind. Das Aufspüren und Löschen von Fälschungen im Internet mittels KI funktionierten meist gut. Das Identifizieren der Verantwortlichen und das Aufdecken der komplexen Strukturen hinter den Netzwerken gestaltet sich dagegen schwierig, zeit- und kostenintensiv.
Wettbewerbsverzerrung und Verbrauchergefährdung
Fairer Wettbewerb belebt das Geschäft und reguliert Märkte. Aktuell aber überfluten Händler und Plattformbetreiber aus Drittstaaten den europäischen Markt mit meist ungeprüften und nicht EU-konformen Billigartikeln. Darunter auch Plagiate und Fälschungen.
(Bild: Aktion Plagiarius e.V.)
Scherben bringen nicht immer Glück. Bei Outdoor-Events, in Clubs, am Strand oder auf dem Boot darf es gern ein stylisches, aber unempfindlicheres Glas sein. Die Sektgläser „Cheers“ von Koziol (oben) aus thermoplastischem Kunststoff sind so ein Alleskönner: extrem langlebig und nahezu unzerbrechlich, 100% recycelbar. Das hochwertige Material isoliert 4 mal besser als Glas.
Das hatte 2021 auch Norma überzeugt: Genau diese fünf bedruckten Koziol-Sektgläser wurden wochenlang erfolgreich vertrieben. Ein erneutes Angebot im Jahr 2023 wurde abgelehnt, man „komme preislich nicht klar“. Auf ein Angebot 2025 folgte gar keine Antwort.
Dafür eine Überraschung: Am 8. Dezember 2025 hatte Norma stattdessen die fünf optisch sehr ähnlichen Nachahmungen (unten) aus Spanien im Angebot – für weniger als ein Drittel des Originalpreises. Das heißt, 3,99 Euro für zwei Sektgläser statt 6,95 Euro für ein Sektglas. Dafür jetzt instabil, aus einem günstigeren Werkstoff und nicht recycelbar.
Nach Angaben der EU-Kommission kamen 2024 rund 4,6 Milliarden Pakete mit geringem Warenwert aus Drittländern in die EU. Das heißt, mehr als 12 Millionen Pakete pro Tag. Das waren doppelt so viele wie 2023 und etwa dreimal so viele wie 2022.
Zu den Profiteuren gehören Billig-Direktplattformen wie Temu, Shein, Alibaba & Co. Stichproben durch den Zoll und von Marktaufsichtsbehörden offenbaren regelmäßig eklatante Produktmängel und Verstöße gegen Kennzeichnungspflichten. Bislang ohne Folgen. Diese Wettbewerbsverzerrungen müssen beseitigt werden.
Dringender Handlungsbedarf
Die Gesetze sind laut Aussage der Aktion Plagiarius da. Ohne konsequente Um- und Durchsetzung würden sie aber keinerlei abschreckende Wirkung oder Verbesserung entfalten.
Europäische Wirtschafts- und Handelsverbände fordern mit Nachdruck von der Politik die unverzügliche und konsequente Durchsetzung des Digital Services Act (DSA) sowie europäischer Standards hinsichtlich Produktsicherheit, Umwelt- und Verbraucherschutz gegenüber Plattformen und Händlern aus Drittstaaten.
Zwei erste kleine positive Signale sendet die Politik:
Ab Juli 2026 wird als Interimslösung in der EU ein pauschaler Zollsatz von 3 Euro pro E-Commerce-Paket mit einem Wert von weniger als 150 Euro eingeführt, um den Wettbewerbsvorteil der bisherigen Zollfreigrenze für Händler aus Drittstaaten kurzfristig zu beseitigen.
Ab 2028, mit Einrichtung der EU-Zolldatenplattform, fallen auch hier reguläre Zollgebühren an. Parallel laufen Verhandlungen über eine EU-Bearbeitungsgebühr für E-Commerce-Pakete. Diese soll die hohen Kosten für die Überwachung des stark gestiegenen Paketverkehrs ausgleichen.
(Bild: Aktion Plagiarius e.V.)
Die „Pilot FriXion“ Stifte sind das Original (links), wenn es um radierbare Tintenroller, Fineliner und Textmarker geht. Entwickelt wurde die Serie vom japanischen Schreibgerätehersteller Pilot Corporation.
Die Stifte, die es in vielen Farben gibt, verwenden eine einzigartige thermosensitive Tinte, die sich bei Temperatur verändert. Jeder FriXion besitzt eine Radierkugel, die durch Reibung Wärme erzeugt, sodass die Tinte transparent wird und Fehler sich leicht wegradieren lassen. Die Bestseller-Serie ist über eingetragene Marken (FriXion), Designs und Patente sind weltweit geschützt.
Nachahmer Alix ist Wiederholungstäter. Bereits 2020 wurden auf Messen Stifte konfisziert, die Pilot-Designs verletzten. Beim aktuellen Fall (rechts) wurde nicht nur das Design, sondern auch die Wort-Bildmarke „FriXion“ kopiert. Alix präsentiert sich quasi als autorisierter Händler.