Dr. Christine Bunte erklärt im Exklusiv-Interview mit PlastXnow wie ihre Rolle als neue Hauptgeschäftsführerin von PlasticsEurope Deutschland aussieht und welche Erwartungen sie an die Industrie hat.
Zum 1. Januar 2025 übernahm Dr. Christine Bunte die Leitung von PlasticsEurope Deutschland e. V., dem Verband der Kunststofferzeuger, als Nachfolgerin von Ingemar Bühler.
(Bild: PlasticsEurope)
Christine Bunte, die zuvor das Corporate Advocacy Team der BASF in Ludwigshafen leitete und die Kreislaufwirtschafts- und Umweltpolitik des Unternehmens verantwortete, bringt umfassende Erfahrung in den Bereichen Kunststoffe, Kreislaufwirtschaft und Public Affairs auf nationaler und europäischer Ebene mit. In einem Exklusiv-Interview in ihrer neuen Rolle als Hauptgeschäftsführerin von PlasticsEurope Deutschland erzählt sie uns, welche Ziele sie sich in ihrer neuen Funktion gesetzt hat und wie für sie beispielsweise die Transformation der Kunststoffindustrie hin zu einer klimaneutralen Kreislaufwirtschaft zukünftig funktionieren könnte.
PlastXnow: Frau Dr. Bunte, Sie haben vor Ihrer jetzigen Tätigkeit als Hauptgeschäftsführerin von PlasticsEurope Deutschland, das Corporate Advocacy Team der BASF geleitet und sich in dieser Rolle auch auf Kreislaufwirtschaft und Umweltpolitik konzentriert. Wie haben diese Erfahrungen Sie auf Ihre neue Rolle bei PlasticsEurope vorbereitet und inwiefern können Sie jetzt davon profitieren?
Dr. Christine Bunte: In meinen vorherigen Funktionen in der politischen Arbeit der BASF habe ich inhaltlich eng an Themen gearbeitet, die für PlasticsEurope wichtig sind. In meiner letzten Rolle waren das beispielsweise die Themen Ökodesign, Umweltclaims und die Rohstofftransformation. Zuvor habe ich auch die Interessen der BASF im Kunststoffbereich in Ludwigshafen und in Brüssel vertreten – das war zur Zeit der Entstehung der Europäischen Kunststoffstrategie. Damals habe ich mich, u. a. gemeinsam mit PlasticsEurope, sehr dafür eingesetzt, dass chemisches Recycling zusätzlich zum mechanischen Recycling und biologischen Verfahren als ein Beitrag zur Kreislaufwirtschaft mit Kunststoffen berücksichtigt wird. Dieser Punkt wurde schließlich vom damaligen Europäischen Umweltkommissar unterstützt und in die Strategie aufgenommen. Gleichzeitig sind immer noch entscheidende Detailregelungen offen, die für Investitionsentscheidungen maßgeblich sind. Dies ist für mich ein Beispiel, wie wichtig es ist, gute Zielsetzungen in pragmatische und lösungsorientierte politische Regelungen umzusetzen und zügiger voranzukommen als in den vergangenen Jahren. Daraus ergibt sich für mich ein zentraler Auftrag für die neue Aufgabe.
Plastics Europe hat sich in den vergangenen Jahren aufgemacht, die Transformation der Kreislaufwirtschaft mit Kunststoffen voranzutreiben. Als Hauptgeschäftsführerin habe ich die großartige Möglichkeit, diesen Weg mitzugestalten und ein wichtiges Bindeglied zwischen Industrie, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft zu sein. Dabei kommt mir die Unternehmensperspektive sehr zugute.
PlastXnow: Was bedeutet die Transformation der Kunststoffindustrie hin zu einer klimaneutralen Kreislaufwirtschaft für Sie konkret, und welche Herausforderungen sehen Sie dabei?
Bunte: Viele Unternehmen der Kunststoffbranche haben sich in den letzten zehn Jahren intensiv mit Lösungen für die Transformation beschäftigt, beispielweise mit der Nutzung alternativer Rohstoffe, dem zirkulärem Produktdesign und der Entwicklung von Verfahren, um Kreisläufe durch mechanische, chemische, biologische Verfahren oder CCU zu schließen. Die Technologien sind in vielen Fällen einsatzbereit, werden aber viel zu langsam skaliert. Hier brauchen wir eine deutlich höhere Geschwindigkeit.
Ein Hindernis ist aus meiner Sicht die Erwartung, dass es die eine perfekte Technologie geben müsse, die alle Probleme löst.
Dr. Christine Bunte
Ein Hindernis ist aus meiner Sicht die Erwartung, dass es die eine perfekte Technologie geben müsse, die alle Probleme löst. Diese gibt es schlichtweg nicht. Anstatt Lösungsansätze gegeneinander auszuspielen, sollten wir lieber gemeinsam nach Wegen suchen, wie unterschiedliche Verfahren im Zusammenspiel eine echte Kreislaufwirtschaft ermöglichen.
Eine weitere Herausforderung sind fehlende Geschäftsmodelle für viele Kreislauflösungen. Häufig sind klimafreundliche oder zirkuläre Produkte teurer als herkömmliche. Es gibt Kunden, die bereit und in der Lage sind, für nachhaltige Produkte mehr Geld auszugeben. Diese Märkte sind aber zu klein, um die Mehrkosten der Hersteller zu decken. Daher braucht es Regulierungen, um zirkuläre Geschäftsmodelle zu unterstützen.
Zuletzt möchte ich die aktuelle wirtschaftliche Lage und konjunkturelle Schwäche Deutschlands und den immer aggressiveren globalen Wettbewerb ansprechen, beispielsweise durch enorme Überkapazitäten in China. Dadurch verschärft sich die Lage zusätzlich. Deutsche Kunststoffunternehmen produzieren derzeit rund 20 % weniger als vor dem Angriffskrieg auf die Ukraine. Nach früheren Krisen wie der Bankenkrise 2008/09 erholte sich die Industrie rasch, das ist jetzt anders: Wir befinden uns in einer konjunkturellen Seitwärtsbewegung auf niedrigem Produktionsniveau. In der Folge werden Betriebe geschlossen und Sparprogramme umgesetzt. Unsere Mitgliedsunternehmen halten dennoch an den Transformationszielen fest. Aber dafür braucht es nun einmal ein erhebliches Kapital für Investitionen und einen zirkulären Business Case. Daher ist eine konsequente Wirtschaftspolitik eine Grundvoraussetzung für die Transformation.
PlastXnow: In einem Ihrer ersten Statements sprechen Sie von einem zukünftigen Dialog auf Augenhöhe mit verschiedenen Akteuren aus Politik, Medien und Gesellschaft. Wie möchten Sie diesen Dialog gestalten, um nachhaltige Lösungen zu fördern?
Bunte: Mir ist es wichtig, ein Umfeld zu schaffen, in dem verschiedene Perspektiven berücksichtigt werden und wir einander zuhören. Sowohl die NGO, die die Umweltverschmutzung durch Kunststoffabfälle kritisiert, als auch der Hersteller, dessen Kunststoffprodukte nachweislich Umweltvorteile in der Energieinfrastruktur, dem Gebäudebereich, oder als Verpackungsmaterial bieten, haben wichtige Punkte. Das Ziel sollte sein, gemeinsam Lösungen zu finden, die für alle funktionieren.
Ehrlichkeit und Transparenz sind das A und O. In meiner vorherigen Rolle hatte ich mit vielen unterschiedlichen Interessengruppen zu tun, von Umweltpolitikern bis zu Klima-NGOs. Dabei haben wir sowohl Erfolge als auch Herausforderungen der Transformation offen angesprochen und diskutiert und gegenseitig voneinander gelernt.
PlastXnow: Sie sprachen auch davon den Green Deal durch einen Clean Industrial Deal zu ergänzen, um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und der EU wiederherzustellen. Welche konkreten Maßnahmen sollten Ihrer Meinung nach ergriffen werden, um dieses Ziel zu erreichen?
Bunte: Hier haben wir sehr konkrete Forderungen an den Clean Industrial Deal, den Ursula von der Leyen in den ersten 100 Tagen ihrer Kommission vorstellen will, sowie insgesamt den Europäischen und deutschen Regelungsrahmen. An erster Stelle sind planbare und wettbewerbsfähige Energie- und Rohstoffkosten zu nennen. Das erfordert den Ausbau der erneuerbaren Energien einschließlich einer zukunftsfähigen Infrastruktur, etwa durch grenzübergreifende Wasserstoff- und CO2-Pipelines. Wichtig ist außerdem, den bürokratischen und administrativen Aufwand für Unternehmen zu reduzieren. Wir begrüßen daher, dass Ursula von der Leyen das Ziel ausgegeben hat, die Berichtslast um 25 % zu reduzieren. Zudem braucht es schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren. Diese Punkte sollten generell für die Industrie gelten, nicht nur für einzelne, als besonders „förderwürdig“ empfundene Branchen oder gar Standorte.
Anreizsysteme für klimafreundliche und zirkuläre Produkte hatte ich schon angesprochen. Das können beispielsweise Steuervorteile, besondere Abschreibungsmöglichkeiten, modulierte EPR-Gebühren, verpflichtende Rezyklateinsatzquoten für bestimmte Produkte oder die nachhaltige öffentliche Beschaffung sein.
Zentral ist aus meiner Sicht auch eine breite Anerkennung aller geeigneter Alternativen für die bisher weitgehend fossilen Rohstoffe, konkret mechanisches wie chemisches Recycling, der Einsatz von Biomasse aber auch CCU. Und eine realistische Betrachtung, was bis wann verfügbar sein kann und zu welchem Preis. Daraus ergibt sich ein logischer Bedarf beispielsweise an CCS.
Klar ist auch: ohne flexible Massenbilanzierungsverfahren, welche die Zuordnung alternativer Rohstoffe in integrierten Produktionsanlagen erlauben, wird die Transformation für Unternehmen und Verbraucher erheblich teurer und langsamer. Im schlimmsten Fall bleiben Investitionen ganz aus.
Elementar ist auch eine gute Forschungs- und Innovationspolitik: durch ambitionierte Bildungspolitik, klassische Forschungsförderung, aber auch Unterstützung von Pilot- und Testanlagen sowie Reallaboren.
Wir befinden uns in politisch und wirtschaftlich instabilen Zeiten, während die regulatorischen Vorgaben und gesellschaftlichen Erwartungen an unsere Industrie weiterhin hoch bleiben.
Dr. Christine Bunte
PlastXnow: Dr. Ralf Düssel, Vorstandsvorsitzender des Verbandes, betonte vor kurzem, dass er die strategische Linie und kommunikative Sichtbarkeit des Verbandes in gewohnter Weise weiterführen möchte. Welche Aspekte möchten Sie dabei in Zukunft besonders hervorheben?
Bunte: Wir befinden uns in politisch und wirtschaftlich instabilen Zeiten, während die regulatorischen Vorgaben und gesellschaftlichen Erwartungen an unsere Industrie weiterhin hoch bleiben. In diesem herausfordernden Umfeld setzen wir auf starke Partnerschaften innerhalb der Wertschöpfungskette und den Dialog im gesamten Ökosystem.
Mein Eindruck ist, dass Plastics Europe auch von Kritikern als wertvoller und konstruktiver Gesprächspartner wahrgenommen wird. Der Verband hat beispielsweise im kunststoffkritischen Film „Plastic Fantastic“ nicht gezögert, sich schwierigen Fragen zu stellen. Das ist für mich extrem wichtig, denn neue Lösungen entstehen nicht in der eigenen Echokammer, sondern im konstruktiven Dialog zwischen verschiedenen Standpunkten.
Mir ist es zudem ein Anliegen, die konkreten Innovationen und Projekte der Mitgliedsunternehmen zur Transformation sowie die Herausforderungen im aktuellen Umfeld sichtbar zu machen. Das macht diese abstrakten Themen greifbar und konkret. Gleichzeitig sind transparente Zahlen, Daten und Fakten notwendig, um belastbare Aussagen zur Lage der gesamten Branche abzuleiten.
PlastXnow: Zu guter Letzt würde mich noch interessieren, welche Prioritäten Sie in Ihrer neuen Rolle als Hauptgeschäftsführerin setzen, um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands und der EU in der Kunststoffindustrie zu stärken?
Bunte: Politisch werde ich mich für die Forderungen stark machen, die ich in Bezug auf den Clean Industrial Deal und den politischen Rahmen insgesamt angesprochen habe.
Die Kunststoffindustrie am Standort Deutschland befindet sich an einem Scheideweg. Oberste Priorität hat für mich, dass die Kunststoffindustrie in Deutschland eine Zukunft hat und die Transformation gelingt. Für dieses gemeinsame Ziel braucht es eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit allen Akteuren der Wertschöpfungskette, mit Umweltverbänden, der Politik, den Behörden und auch Expertinnen und Experten aus der Wissenschaft. Dafür werde ich mich mit den Kolleginnen und Kollegen bei Plastics Europe einsetzen.
PlastXnow: Frau Dr. Bunte, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg in Ihrem neuen Job und bei der Umsetzung Ihrer Ziele.
Stand: 16.12.2025
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