Nach einjähriger Pause kehrte der Engelskirchener Kunststoff-Technologie-Tag (EKTT) mit einem neuen, kompakten Format zurück. 110 Fachbesucher erlebten im Kardinal-Schulte-Haus einen Tag voller technologischer Highlights, praxisnaher Metallersatz-Lösungen und einer spannenden Premiere bei der Verleihung des Innovations-Awards.
Im stimmungsvollen Ambiente des Kardinal-Schulte-Hauses in Bergisch Gladbach feierte der 28. EKTT mit 110 Teilnehmern seine erfolgreiche Rückkehr.
(Bild: Barlog)
Mit 110 Teilnehmern und einem klaren Fokus auf praxisrelevante Fragestellungen feierte der 28. EKTT am 23. April 2026 seine erfolgreiche Rückkehr. Die von Barlog Plastics ausgerichtete Fachkonferenz brachte Expertinnen und Experten aus der Kunststoffindustrie im stimmungsvollen Ambiente des Kardinal-Schulte-Hauses in Bergisch Gladbach zusammen. Das neue, bewusst schlank gehaltene Format ohne klassische Aussteller stieß bei den 110 Gästen auf sehr positive Resonanz und bot ein intensives Forum für den Wissenstransfer auf Augenhöhe.
Frühzeitige Optimierung als wirtschaftlicher Erfolgsfaktor
Gastgeber Peter Barlog, geschäftsführender Gesellschafter bei Barlog Plastics, eröffnete die Tagung und stimmte die Teilnehmer auf das fachliche Programm mit einem Plädoyer für eine systematische Produktentwicklung ein. Unter dem Motto „Vom Werkstoff zum Business Case“ verdeutlichte er die „Zehnerregel der Fehlerkosten“, nach der Fehler umso teurer werden, je später sie im Entwicklungsprozess korrigiert werden. Er mahnte an, dass spezialisierte Partner oft zu spät eingebunden werden, was Potenziale bei Kosten, Time-to-Market und dem CO2-Fußabdruck verschenke.
Begrüßung und Eröffnung des EKTT durch Peter Barlog: In seinem Impulsvortrag zur systematischen Produktentwicklung mahnte der Barlog-Geschäftsführer, Potenziale bei Kosten und Nachhaltigkeit nicht durch zu späte Partnerintegration zu verschenken.
(Bild: Barlog)
„Wir werden seitens unserer Kunden oft zu spät in die Produktentwicklung einbezogen“, erklärte Barlog. Anhand einer Case Study zu einem Rohrverbinder demonstrierte er, wie die Wahl eines vermeintlich teureren Hochleistungskunststoffs durch reduzierte Wandstärken und kürzere Zykluszeiten die Gesamtkosten pro Stück von 0,85 € auf 0,74 € senken kann. Gleichzeitig konnte der CO2-Fußabdruck (PCF) durch den Einsatz von PPA mit Rezyklatanteil signifikant von 0,737 auf 0,308 kg CO2/kg reduziert werden.
Werkstoffauswahl zwischen Schadensprävention und Kostendruck
Die Bedeutung der Materialwahl unterstrich auch Dr. Michael Kroh, Sustainability Officer der Vorwerk Elektrowerke, am Beispiel von Haushaltsgeräten wie dem Thermomix. Er referierte über Schadensprävention und die Herausforderungen der digitalen Transformation in der Küchenwelt.
Direkt im Anschluss fokussierte Fabian Himbert, Head of Application Development Industry & Consumer der Ems-Chemie, auf die wirtschaftlichen Aspekte von Hochleistungspolyamiden. „Metallersatz kann jeder. Entscheidende Themen heute sind die Senkung von Energie- und Produktionskosten“, betonte Himbert. Er verdeutlichte, dass Kunststoff gegenüber Aluminium vor allem bei der Verarbeitung punktet. Ein ABS-Magnetventil für Lkw konnte durch den Wechsel von Aluminium auf Kunststoff eine Kostensenkung von 30 % und eine CO₂-Reduktion von 60 % erzielen. Himbert riet dazu, bei Materialkosten stets die Volumenpreise zu vergleichen.
Präzision und Sicherheit in der Automotive-Technik
Ein technisches Highlight war der Vortrag von Patrick Behrend, Projektleiter bei Lüttgens Polymer Technologies, über einen Entriegelungshebel im Automobiltürschloss. Um Sicherheitsbedenken der OEMs hinsichtlich der Massenträgheit bei Unfällen zu zerstreuen, wurde ein mit 70 % Eisenoxid gefüllter Kunststoff entwickelt. Dieser erreicht die geforderte Dichte von 2,7 g/cm³ exakt. Da Eisenoxide (Magnetit) kostengünstige Industrieminerale sind, erwies sich die Lösung als wirtschaftlich für die Großserie, erforderte jedoch aufgrund der Abrasivität spezielle Wechseleinsätze im Spritzgusswerkzeug.
Ebenfalls für den Automotive-Sektor präsentierte Moritz Schmidt, Engineering Director der Brehmer Group, die Vorteile magnetisierter Kunststoffe. Am Beispiel eines BMW-Motorrad-Multicontrollers zeigte er, wie sensorische Funktionen durch kunststoffgebundene Magnete direkt in Bauteile integriert werden können. Da magnetisierte Kunststoffe im Spritzgussverfahren verarbeitet werden, lassen sich komplexe Geometrien wie Schnapphaken oder Achsaufnahmen direkt am Bauteil anformen. Der Magnet ist somit das Bauteil selbst und muss nicht als separates Teil aufgeklebt oder montiert werden.
Im Gegensatz zu gesinterten Magneten sind kunststoffgebundene Magnete weniger spröde und weisen eine höhere Bruchfestigkeit auf. Dies macht sie ideal für Anwendungen, die starken Vibrationen oder mechanischen Beanspruchungen ausgesetzt sind, bei denen sich herkömmliche Magnete lösen oder zerbrechen könnten.
„Magnetisierbare Kunststoffe ermöglichen es, sensorische Funktionen direkt in mechanische Bauteile zu integrieren“, erläuterte Moritz Schmidt. Diese Bauteile seien zudem leichter, korrosionsbeständig und im Vergleich zu Sintermagneten in der Magnetisierung um die Hälfte günstiger.
Erstmals wurde auf dem EKTT ein Innovations-Award verliehen. Den ersten Platz sicherte sich die Brehmer Group, vertreten durch Moritz Schmidt (r.), für das Projekt zum magnetisierten Kunststoff für einen Multicontroller-Ring an einem Motorradlenker.
(Barlog)
Hochleistungskunststoffe für E-Mobility und Energieversorgung
Die Anforderungen der E-Mobilität standen im Fokus von Roman Mielke, Development Engineer bei Webasto, und Christian Schumacher von Barlog Plastics. Sie präsentierten die Entwicklung eines elektromagnetisch abschirmenden Gehäuses für einen Hochvoltheizer. Das speziell entwickelte „Kebatron PPS L1030 RC2“ musste dabei nicht nur Brandvorgaben nach UL94 V0 erfüllen, sondern auch eine ausreichende Schirmdämpfung und mechanische Integrität sicherstellen.
Stand: 16.12.2025
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In den Bereich der Hochspannungstechnik führte der Vortrag von Robby Zitzmann, R&D Principal Engineer bei ABB Deutschland. Er stellte thermoplastische Schubketten als neue Antriebslösung für Trennschalter vor. „Durch den Einsatz von Kunststoffen anstelle von Metallen können die Ketten isolierende Eigenschaften übernehmen“, betonte Zitzmann. Die Kette nutzt die Synergie aus chemisch beständigem PPS für die Koppelglieder und hochfestem PA66GF für die tragenden Glieder, um unter Last wie ein starrer Stab zu fungieren und elektrische Überschläge in kompakten GIS-Anlagen zu vermeiden.
Intensives Networking während der Kaffeepausen im sonnigen Hof des Kardinal-Schulte-Hauses.
(Bild: Barlog)
Komplexe Hybridbauteile im 3+3K-Spritzguss
Über die Grenzen der Funktionsintegration referierte Stefan Lauber, Projektmanager bei der Keune & Lauber. Er präsentierte ein Hybridbauteil, das im 3+3K-Spritzgussverfahren unter Einsatz von Hochleistungsthermoplasten (PPS), Flüssigsilikon (LSR) und automatisierten Metalleinlegern gefertigt wird. Das Bauteil ersetzt komplexe Druckguss-Konstruktionen und integriert zusätzlich das Ultraschallverschweißen einer Filterronde sowie eine Inline-Barcodelaserung.
„Prozesse wie der 3+3K-Spritzguss sind skalierbar und vielseitig in unterschiedlichen Kombinationen anwendbar“, erläuterte Lauber. Die prozesstechnische Herausforderung lag dabei insbesondere in der Simulation der unterschiedlichen thermischen Ausdehnungen von Metall, PPS und LSR sowie der Sicherstellung einer blasenfreien Entlüftung des Silikons. Ein Kaltkanal- und ein Heißkanalsystem mussten hierfür in einem einzigen Werkzeug kombiniert werden.
Innovations-Award und Networking
Den krönenden Abschluss der Tagung bildete die erstmalige Verleihung eines Innovations-Awards mit Live-Abstimmung durch das Publikum. Den ersten Platz sicherte sich die Brehmer Group, vertreten durch Moritz Schmidt, für das Projekt zum magnetisierten Kunststoff für einen Multicontroller-Ring an einem Motorradlenker. Im Vergleich zu gesinterten Magneten konnte der Bauraum reduziert und die Kosten gesenkt werden. Das Projekt überzeugte das Publikum in den Kategorien Innovation, technische Umsetzung und Marktrelevanz gleichermaßen.
Zwischen den Fachvorträgen nutzten die Teilnehmer die Kaffeepausen im sonnigen Hof des Kardinal-Schulte-Hauses für intensives Networking. Die Atmosphäre wurde von den Gästen als äußerst stimmungsvoll und der Nutzwert der Gespräche als hoch bewertet.
„Die hohe Nachfrage zeigt uns, dass kompakte, inhaltsstarke Konferenzformate mit klarer Praxisorientierung weiterhin gefragt sind“, resümierte Peter Barlog zum Ende der Veranstaltung. Mit dem Erfolg des 28. EKTT hat Barlog Plastics den Stellenwert dieses Formats als etablierten Branchentreffpunkt für die Kunststoffwelt eindrucksvoll bestätigt.