Kunststoffverarbeiter sind zunehmend gefordert, den Rezyklatanteil zu steigern. Dabei stehen sie häufig im Spannungsfeld zwischen Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit. Warum sind Rezyklate oft teurer als Neuware, warum lohnt sich ihr Einsatz trotzdem und welchen Einfluss haben Regulierungen – eine Bestandsaufnahme.
(Bild: KI-generiert)
Viele Kunststoffverarbeiter blicken derzeit auf die Straße Hormus. Die Wasserstraße verbindet nicht nur den Persischen Golf im Westen mit dem Golf von Oman im Osten. Sie spielt auch eine entscheidende Rolle in den globalen Energie- und petrochemischen Lieferketten. Durch die Meerenge fließt ein Fünftel der weltweiten Öl- und Flüssigerdgasvorräte.
Kommt es hier zum Stillstand, wie derzeitig aufgrund des Iran-Kriegs, führt das zu Engpässen und Unsicherheiten auf dem Markt. Die Verbraucher und Verbraucherinnen spüren das zunächst vor allem an der Zapfsäule. Doch nicht nur die Spritpreise steigen aktuell an, sondern auch die Preise für Kunststoffe. Denn diese werden zum Teil aus Erdöl und Erdgas hergestellt.
Iran-Krieg sorgt für Rezyklat-Boom
Dazu gehören unter anderem Polyethylen (PE) und Polypropylen (PP), zwei der weltweit am häufigsten verwendeten Kunststoffe. Der Plattform „The Plastic Exchanges“ zufolge, die Transaktionsdaten für den Kunststoffmarkt erfasst, sind die Preise für Kunststoffgranulate in den letzten Wochen in den meisten Fertigungsbereichen bereits um zweistellige Prozentsätze gestiegen.
Hersteller von Kunststoffprodukten suchen dementsprechend nach Alternativen. Das hat zur Folge, dass die Nachfrage nach Rezyklaten in die Höhe schnellt. „Ein Boom mit Geschmäckle“, würde der Schwabe sagen. Denn in Friedenszeiten sieht es in der Regel anders aus, hier stehen sich Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit in einem ungesunden Verhältnis gegenüber. Das heißt, Neuware ist so günstig, dass sich der Einsatz von Rezyklaten schlichtweg nicht rechnet.
Kurz ERklärt
Rezyklat ist wiederaufbereiteter Kunststoff, der nicht neu aus Rohstoffen hergestellt wurde, sondern aus bereits benutzten Produkten stammt. Dabei unterscheidet man zwischen Rezyklaten aus industriellen Abfällen (Post Industrial Rezyklate, kurz PIR) und aus Abfällen der Endverbraucher (Post Consumer Rezyklate, kurz PCR).
Was beeinflusst den Preis von Rezyklaten?
Im Kern funktioniert der Markt für Rezyklate wie jeder andere Rohstoffmarkt. Die Preise werden im Wesentlichen durch Angebot und Nachfrage bestimmt.
Wenn die Nachfrage nach Recyclingmaterialien – wie Metallen, Kunststoffen oder Papier – hoch ist, steigen die Preise in der Regel an. Dies ist häufig der Fall, wenn Hersteller aktiv nach kostengünstigen oder nachhaltigen Alternativen zu Neuware suchen. Steigt hingegen das Angebot über die Nachfrage, können die Preise schnell fallen.
Dieses Gleichgewicht kann sich schnell verschieben, insbesondere auf den globalen Märkten, wo selbst kleine Störungen weitreichende Folgen haben können – auch auf die Lieferketten und Preisstrukturen. Denn Währungsschwankungen, Handelspolitiken und geopolitische Faktoren spielen ebenfalls eine Rolle.
Wo entstehen beim Recycling die Mehrkosten?
„Die Energiepreise haben grundsätzlich einen hohen Einfluss, da der Recyclingprozess energieintensiv ist“, erklärt die Pressestelle von Interzero. Insbesondere die Regranulierung sei energieintensiv. Steigende Strom- und Gaspreise verteuern demnach auch die Rezyklate.
Auch die Qualität ist ein zentraler wirtschaftlicher Faktor. Eine hohe Verunreinigung führt zu zusätzlichem Reinigungsaufwand und/oder schlechteren Materialeigenschaften. „Diese führen wiederum dazu, dass die Einsatzmöglichkeiten der Rezyklate beschränkt sind“, so Interzero. Saubere Stoffströme seien daher der Schlüssel zur Wirtschaftlichkeit.
Nicht nur sauber soll es sein, sondern auch möglichst sortenrein. Die Realität sieht leider anders aus. Die Recycler müssen aus einem Gemisch verschiedener Kunststoffe, deren jeweilige Anteile unbekannt sind, möglichst reine Fraktionen von PET (Polyethylenterephthalat), PP oder PE herauslösen. Das heißt auch: „Je schlechter der Input, desto höher ist der Sortieraufwand und die damit verbundenen Kosten“, bringt es Interzero auf den Punkt.
Doch nicht immer lässt sich der Einsatz verschiedener Materialien vermeiden. Wurst- oder Käseverpackungen beispielsweise benötigen eine Sauerstoff- und eine Wasserbarriere, damit die Lebensmittel nicht verderben. Für beide Funktionen sind Folien aus zwei verschiedenen Kunststoffen nötig. Das Problem: Die beiden vertragen sich nicht, sodass es noch eine zusätzliche Haftschicht aus einem dritten Kunststoff benötigt. Sind noch weitere Funktionen erwünscht, werden für eine Kunststoffverpackung bis zu elf verschiedene Polymertypen benötigt.
Kostencheck
Wo entstehen entlang der Prozesskette die größten Kosten?
Infrastruktur: Sammlung & Logistik
Sortierung in hochtechnischen Anlagen
Regranulierung (energieintensiv)
Die Kosten für Technik, Energie und Personal machen Rezyklate in der Regel 20 bis 30 Prozent teurer als neue Kunststoffe.
Was müsste passieren, damit Reyzklate preislich konkurrenzfähig werden? Für den Recycler Interzero fängt das schon beim Design an, „um den Aufwand des Recyclingprozesses zu reduzieren“. Zudem erhöht eine bessere Mülltrennung den Input. Weitere Hebel sieht der Konzern in Mindestquoten sowie langfristige Abnahmeverträge für Rezyklate sowie die Förderung für Recyclingtechnologien.
Stand: 16.12.2025
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Warum lohnt sich Recycling trotzdem?
Trotz aller Herausforderungen: Rezyklate verbinden ökologische Vorteile mit wirtschaftlicher Vernunft. Jedes Kilogramm Sekundärrohstoff ersetzt Primärmaterial und spart Energie bei der Gewinnung, Transport und der Verarbeitung. Das senkt den CO₂-Fußabdruck entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Darüber hinaus wird die Umweltbelastung durch Kunststoffabfälle reduziert.
(Bild: Tecpart)
Die Kunststoffverarbeitung in Deutschland hat 2025 erneut leicht verloren. Technische Kunststoffprodukte büßen rund 500 Mio. Euro Umsatz ein. Gleichzeitig stagniert der Rezyklateinsatz bei knapp 20 Prozent, während der Nahostkonflikt Primärkunststoffe verteuert und Rezyklate an Bedeutung gewinnen könnten.
Diese Vorteile überwiegen auch bei vielen Kunden von Pöppelmann. Der Kunststoffverarbeiter verfolgt bereits seit 2018 mit der unternehmensweiten Initiative „Pöppelmann blue“ das Ziel, Kunststoffe im Kreislauf zu führen. „Wir zahlen somit auf die Ziele unserer Kunden ein. Mittlerweile ist jedes zweite Kilogramm Kunststoff, welches wir einsetzen, aus Rezyklat“, erklärt Lukas Scheeben, Teamleiter Einkauf.
Wie geht Pöppelmann dabei mit Preisschwankungen um? „Um der Wertschöpfungskette bis zum Endprodukt finanzielle Planungssicherheit geben zu können, indexieren wir unsere Materialpreise, so Scheeben.
Wann sind Rezyklate wirtschaftlich konkurrenzfähig?
Es seien aber nicht nur die Materialkosten, die einen Einfluss haben. Dazu kommen Investitionen, die man tätigen muss, um Rezyklate im großen Stil einsetzen zu können. Hierzu zählt beispielsweise notwendige Filtrationstechnik an den Maschinen oder Belüftungssysteme für die Mitarbeitenden in der Produktion. „Wir nehmen die Mehrkosten in Kauf und schaffen damit Mehrwerte für unsere Kunden – das zahlt sich am Ende aus“.
Für einen flächendeckenden Einsatz bedarf es jedoch auch einer gleichbleibenden, stabilen Qualität – und das über einen langen Zeitraum. Für Anwendungen im Automobilbereich seien das laut Scheer mindestens 7 bis 10 Jahre. „Dies in einem sich stetig wandelnden Beschaffungsmarkt zu gewährleisten, ist eine Herausforderung, die wir mit unseren Lieferanten für unsere Kunden meistern.“
Und wo die Freiwilligkeit endet, setzt der Gesetzgeber an. Insbesondere im Verpackungssektor (PPWR) und im Automobilbereich (EU-Altautoverordnung) werden künftig strengere Reyzklatquoten gelten. Dadurch wird der Einsatz von Recyclingmaterialien laut Scheer in immer mehr Kundenprojekten von einer Option zu einer Voraussetzung für die Auftragsfreigabe.
Welche Rolle spielt die Regulierung bei der Preisentwicklung?
Apropos PPWR: Die neue EU-Verpackungsverordnung ist am 11. Februar 2025 in Kraft getreten, wobei die meisten Vorschriften jedoch erst nach einer Übergangsfrist ab dem 12. August 2026 verbindlich angewendet werden müssen. Ziel ist es, den Verpackungsverbrauch in der EU deutlich zu reduzieren, die Recyclingfähigkeit zu verbessern und die Kreislaufwirtschaft zu stärken. Zudem werden verbindliche Anforderungen an Rezyklate, Wiederverwendbarkeit, Kompostierbarkeit und die Kennzeichnung von Verpackungen eingeführt.
PET-Getränkeflaschen: Hohe Recyclingquote und steigender Einsatz von recyceltem Material (Zahlen für 2019)
Wird sich das auch auf die Preisentwicklung auswirken? Der Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (bvse) sieht dafür auf Nachfrage keine Hinweise. „Das Inkrafttreten der PPWR dürfte aber die Bereitschaft zum Einsatz von Rezyklaten erhöhen, sodass sich Angebot und Nachfrage weiter annähern und eine auskömmliche Preisbildung möglich ist“, sagt Anna Roeb, bvse-Fachreferentin für Kunststoffrecycling, Reifen und Gummi sowie Sonderabfälle.
Welche Maßnahmen könnten Rezyklate wettbewerbsfähig machen?
Regulierungen wie die PPWR allein werden Rezyklate nicht wettbewerbsfähiger machen. Laut Roeb sollte die öffentliche Beschaffung hier ebenfalls als Leitmarkt fungieren. Des Weiteren sollten die Kostenunterschiede durch CO₂-Bepreisung von Neuware und durch die Begünstigung von Kunststoffrecyclern aufgefangen werden – durch Investitionen oder den Zugang zum Industriestrompreis.
Zudem empfiehlt der Verband strenge Kontrollen bei Importen, „da stellenweise Rezyklate auf den Markt gelangen, die nicht den europäischen Lebensmittelanforderungen entsprechen“. Darüber hinaus spielt auch für den bvse das Design für Recycling eine wichtige Rolle. Denn nur was recyclingfähig ist, könne auch entsprechend zu Reyklaten verarbeitet und wiederverwendet werden.
Wie wird sich der Markt entwickeln?
Die Entwicklung des Rezyklatmarkts wird auch zukünftig stark politisch getrieben. Die Ölpreise sind volatil und haben auch direkt Auswirkungen auf Kunststoffrecycler. Dadurch steigen der Druck und der Wettbewerb. „Wir hoffen, dass es mit der PPWR zu einer deutlich höheren Nachfrage nach Rezyklaten kommt, durch die geforderten Einsatzquoten. Rezyklate müssen zum strategischen Rohstoff werden“, so Roeb.
Leider sehe man aktuell aber noch verzögerte Reaktionen bei Brand Owner beziehungsweise Inverkehrbringern. Das gilt sowohl bei den Investitionen als auch bei den technologischen Fortschritten. So gäbe es etwa aktuell noch kein anerkanntes Verfahren nach EFSA (Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit), welches PP- und HDPE-Rezyklate in Lebensmittelanwendungen erlaubt. Dies werde aber wichtig für die Einsatzquoten der PPWR.
Und dennoch: Ohne politische Eingriffe funktioniert der Markt meist nicht ausreichend. Rezyklate konkurrieren auch in Zukunft mit Neuware, obwohl die Basis eine vollkommen andere ist. Eine reine Regulierung reicht womöglich nicht. „Wir brauchen effiziente Märkte, die Standards etablieren, Wettbewerb möglich machen und auch Preissignale senden. Im Prinzip benötigen wir also mehr Marktmechanismen, aber innerhalb eines klaren politischen Rahmens“, erklärt Roeb abschließend.
Wir hatten auch Veolia für Statements zum Thema angefragt. Das Unternehmen konnte beziehungsweise wollte sich nicht dazu äußern. Die Begründung: Man habe sich in Deutschland zum Ende des vergangenen Jahres komplett aus der Produktion von Rezyklaten zurückgezogen. „Dies geschah mit Blick auf die anhaltend schwierigen Marktbedingungen.“