Die Produktion der Chemiebranche sinkt weiter, Investitionen gehen zurück. Der Branchenverband sieht keine Trendwende und senkt die Prognose für 2026 erneut.
VCI-Präsident Markus Steilemann: „Wir erleben nur eine Atempause, keine Trendwende.“
(Bild: VCI / Thomas Lohnes)
Die Chemieindustrie ist für die Kunststoffproduktion unverzichtbar. Sie stellt die Rohstoffe, Verfahren und chemischen Reaktionen bereit, aus denen Kunststoffe entstehen. Geht es ihr schlecht, wirkt sich das dementsprechend auf die nachgelagerte Kunststoffverarbeitung aus.
Und die deutsche Chemiebranche* befindet sich schon länger in der Krise. Daran ändern auch die aktuellen Zahlen, die der Verband der Chemischen Industrie (VCI) kürzlich vorstellte.
Umsatz sinkt auf 106 Milliarden Euro
Zwar entwickelte sich das erste Halbjahr 2026 etwas besser als die zweite Jahreshälfte 2025. Von einer nachhaltigen Erholung könne jedoch keine Rede sein. Die Produktion lag rund drei Prozent unter Vorjahr, der Umsatz sank um ein Prozent auf 106 Milliarden Euro. Gleichzeitig gehen die Investitionen weiter zurück – bereits das dritte Jahr in Folge.
„Die Halbjahresbilanz ist enttäuschend“, fasst Markus Steilemann, Präsident des VCI sowie derzeit noch CEO von Covestro zusammen. Eine leichte Belebung sei kein Grund zur Entwarnung. Dafür seien vor allem Sondereffekte aufgrund der kriegerischen Auseinandersetzungen in Nahost verantwortlich.
In- und Auslandsumsatz der deutschen chemisch-pharmazeutischen Industrie bis 2024
(Bild: Statista 2026)
Die Statistik zeigt den In- und Auslandsumsatz der deutschen chemisch-pharmazeutischen Industrie in den Jahren von 2000 bis 2024. Im Jahr 2024 lag der Inlandsumsatz der deutschen chemisch-pharmazeutischen Industrie bei rund 84,1 Milliarden Euro.
„Wir erleben nur eine Atempause, keine Trendwende. Grundsätzlich bin ich aber weiter von dem großen Potenzial unserer Branche als Treiber für die notwendige Transformation zu Nachhaltigkeit und Resilienz überzeugt“, so Steilemann weiter.
Produktion und Absatz deutlich unter Niveau
Unternehmen füllen derzeit wegen des Kriegs am Golf ihre Lager auf, um möglichen Versorgungsengpässen vorzubeugen. Gleichzeitig ließ der Wettbewerbsdruck aus Asien durch die Sperrung der Straße von Hormus vorübergehend nach.
Vor diesem Hintergrund hat sich das Inlandsgeschäft der chemisch-pharmazeutischen Industrie in den ersten sechs Monaten zuletzt etwas stabilisiert. Die Exporte sind jedoch weiterhin schwach. Viele Anlagen seien nach wie vor unterausgelastet. Produktion und Absatz liegen laut Verband deutlich unter dem Niveau von 2021.
Viele Unternehmen rechnen auch für die kommenden Monate mit einer schwierigen Geschäftsentwicklung. Steigende Kosten, schwache Absatzmengen und der insgesamt intensive internationale Wettbewerb setzen die Erträge weiterhin unter Druck.
Für das Gesamtjahr erwartet der VCI deshalb einen Produktionsrückgang von 1,5 Prozent. Der Verband sieht angesichts der volatilen geopolitischen Lage derzeit ab.
Deutschland fällt weiter zurück
Besonders besorgniserregend ist aus Sicht des VCI der Rückgang der Sachanlageinvestitionen. Sie liegen rund 15 Prozent unter dem Niveau von 2023. Diese Entwicklung passt zu einem alarmierenden Gesamtbild: Die produktiven Nettoinvestitionen in Deutschland liegen einer Studie zufolge nur noch bei etwa 0,2 Prozent der Wirtschaftsleistung.
Auch in Europa werden Produktionskapazitäten abgebaut, ohne dass ausreichend in neue Anlagen und Zukunftstechnologien investiert wird. Für die Unternehmen zählen hohe Energie- und Produktionskosten sowie weitere negative Rahmenbedingungen in Deutschland zu den größten Investitionshemmnissen.
Reformpaket ist erster Schritt
Vor diesem Hintergrund kommt es aus Sicht des VCI jetzt darauf an, dass die bisherigen Einzelmaßnahmen der Bundesregierung in eine umfassende Strukturreform münden. „Das Reformpaket der schwarz-roten Koalition ist der erste ernsthafte Versuch seit Jahren, die regulatorischen Ketten des Standorts Deutschland zu sprengen. Dieser Kurs muss konsequent fortgesetzt werden. Zusätzliche Belastungen würden die Lage weiter verschärfen“, betont Steilemann.
Der Handlungsbedarf bleibe groß. Das zeigt auch die aktuelle VCI-Mitgliederumfrage: Mehr als 80 Prozent der Unternehmen sehen die Risiken einer Deindustrialisierung politisch nicht ausreichend berücksichtigt. Der Verband fordert deshalb vor allem wettbewerbsfähige Unternehmenssteuern, niedrigere Arbeitskosten, schnellere Genehmigungen und weniger Bürokratie.
VCI-Präsident Steilemann: „Deutschland hat die industrielle Substanz“
Trotz der anhaltenden Krise sieht der VCI weiterhin großes Potenzial für den Industriestandort Deutschland. Steilemann betont: „Deutschland hat die industrielle Substanz und die Innovationskraft. Jetzt ist die Zeit, diese Stärken wieder zur Entfaltung zu bringen. Dazu brauchen wir auch einen Mentalitätswandel hin zu mehr Offenheit, Veränderungsbereitschaft und Eigenverantwortung. Entscheidend ist die Einsicht, dass die Kosten des Nicht-Handelns größer werden als die Kosten gemeinsamer Reformen.“
Stand: 16.12.2025
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* chemisch-pharmazeutische Industrie in Deutschland