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Additive Transformation Wie die additive Fertigung aus einer Technologie ein Geschäftsmodell macht

Ein Gastbeitrag von Ralf Anderhofstadt, Head of CSP Sourcing & Center of Competence Additive Manufacturing (3D-Printing), Daimler Trucks & Buses 5 min Lesedauer

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Von der Prototypenwerkstatt zur digitalen Lieferkette: Warum der industrielle 3D-Druck heute weniger eine Fertigungs- als eine Datenfrage ist – und was Unternehmen aus einem Serienbetrieb mit über 150.000 verbauten Serien- & Ersatzteil-3D-Druckteilen lernen können.

Dort, wo klassische Werkzeugfertigung wirtschaftlich an ihre Grenzen stößt, beginnt häufig der Mehrwert des industriellen 3D-Drucks.(Bild:  Daimler Trucks & Buses)
Dort, wo klassische Werkzeugfertigung wirtschaftlich an ihre Grenzen stößt, beginnt häufig der Mehrwert des industriellen 3D-Drucks.
(Bild: Daimler Trucks & Buses)

Wer die Entwicklung des 3D-Drucks entlang des Gartner-Hype-Zyklus verfolgt hat, kennt das bekannte Muster: Auf den technologischen Durchbruch folgte ein Gipfel überzogener Erwartungen. Die Vision lautete, künftig könne nahezu jedes Bauteil jederzeit und überall gedruckt werden. Danach setzte Ernüchterung ein, viele Beobachter erklärten die Technologie bereits für gescheitert.

Eine Technologie wird erwachsen

Heute zeigt sich jedoch ein anderes Bild. Erst jenseits dieses „Tals der Enttäuschungen“ entfaltet eine Technologie ihren industriellen Nutzen. Genau dort befindet sich die additive Fertigung inzwischen. Aus einem Werkzeug für Prototypen ist eine belastbare Produktionstechnologie geworden. Zwischen diesen beiden Entwicklungsstufen liegen Jahre der Werkstoffentwicklung, Prozessqualifizierung und Standardisierung sowie der Aufbau von Qualitäts- und Haftungssystemen. Der entscheidende Wandel lautet: weg vom Rapid Prototyping, hin zum Direct Manufacturing.

Bei Daimler Truck & Buses umfasst das Portfolio heute hochfeste Serienteile, Ersatzteile, Montagehilfen, Vorrichtungen, Sonderlösungen, Oldtimer-Komponenten und sogenannte Emergency Parts. Besonders spannend ist jedoch eine weitere Entwicklung: der Verkauf von Drucklizenzen. Nicht das physische Bauteil steht dabei im Mittelpunkt, sondern das Recht, dieses Bauteil (dezentral) herzustellen.

Digitale Modelle werden im Digital Warehouse gespeichert und über verschiedene Digital-Rights-Management-Lösungen geschützt bereitgestellt.(Bild:  Daimler Trucks & Buses)
Digitale Modelle werden im Digital Warehouse gespeichert und über verschiedene Digital-Rights-Management-Lösungen geschützt bereitgestellt.
(Bild: Daimler Trucks & Buses)

Warum die Zeit reif ist

Die Rahmenbedingungen für produzierende Unternehmen verändern sich rasant. Fachkräftemangel erhöht den Druck zur Automatisierung. Nachhaltigkeitsziele verlangen einen effizienteren Umgang mit Ressourcen. Unsichere Märkte machen flexible Lieferketten erforderlich. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Produktindividualisierung und Innovationsgeschwindigkeit.

Additive Fertigung löst diese Herausforderungen nicht allein, sie adressiert jedoch mehrere davon gleichzeitig. Die Vorteile liegen auf der Hand: keine Mindestmengen, werkzeuglose Fertigung, hohe Designfreiheit, kürzere Entwicklungszeiten und Produktion auf Abruf.

Hinzu kommen ökologische Vorteile. Das additive Verfahren reduziert Materialverluste, ermöglicht dezentrale Fertigung und verkürzt Transportwege. Der größte Hebel liegt jedoch in der Digitalisierung von Beständen.

AdditivX | 22. September 2026

Additive Fertigung als Werkzeug für Supply Chain, Produktion und Service

AdditivX – Additive Fertigung als Werkzeug für Supply Chain, Produktion und Service
(Bild: Vogel Communications Group / WIN-Verlag)

Die Tagung soll zeigen, wie Kunststoff- und auch Metall-3D-Druck als strategisches Werkzeug für Ersatzteile eingesetzt werden kann – unabhängig von der Branche. Im Mittelpunkt stehen Materialien, Prozesse, Wirtschaftlichkeit und Integration in bestehende Produktions- und Instandhaltungsstrukturen auch aus weiteren Bereichen der additiven Fertigung.

Schwerpunkte der Veranstaltung:

  • Additive Transformation @ Daimler Truck & Buses (Keynote)

  • Welche material- und prozesstechnischen Anforderungen muss ein Hochleistungswerkstoff in der additiven Fertigung erfüllen?

  • Digitales Ersatzteillager: Fiktion oder Realität?

  • Regulatorisches

  • Highlight: Führung durch das SKZ Technikum

Das Kernproblem: Ersatzteile

Besonders deutlich wird dies im Ersatzteilgeschäft. Über die gesamte Lebensdauer eines Fahrzeugs hinweg lässt sich die Nachfrage vieler Ersatzteile nur schwer prognostizieren. Um die Versorgung sicherzustellen, werden Bauteile oft über Jahre hinweg vorproduziert und eingelagert. Die Folge: Ein erheblicher Anteil der gefertigten Teile wird nie benötigt.

Gleichzeitig verursachen Lagerhaltung, Kapitalbindung und Logistik erhebliche Kosten. Genau hier spielt die additive Fertigung ihre Stärken aus. Langsamdreher, Kleinserien, Auslaufteile oder individuelle Kundenwünsche können bedarfsgerecht produziert werden. Dort, wo klassische Werkzeugfertigung wirtschaftlich an ihre Grenzen stößt, beginnt häufig der Mehrwert des industriellen 3D-Drucks.

Praxisbeweis statt Pilotprojekt

Dass dieses Modell funktioniert, zeigen die Zahlen aus dem laufenden Betrieb bei Daimler Buses. Mehr als 150.000 verkaufte und verbaute 3D-Druckteile befinden sich bereits in Mercedes-Benz- und Setra-Bussen. Über 800 verschiedene Serienteile sind freigegeben und qualifiziert. Darüber hinaus wurden weitere potenzielle Druckteile im fünfstelligen Bereich identifiziert.

Die wirtschaftlichen Effekte sind messbar: Erhebliche Einsparungen bei Werkzeug-, Lager- und Verschrottungskosten sowie deutlich verkürzte Beschaffungszeiten. Bei ausgewählten Langsamdrehern können diese um bis zu 80 % reduziert werden. Parallel wird der 3D-Druck-Lizenzshop schrittweise auf weitere Märkte ausgerollt.

Die wichtigste Erkenntnis: Es geht nicht um den Drucker

Viele Unternehmen betrachten additive Fertigung noch immer primär als Maschinen- oder Technologieprojekt. Die Erfahrung aus der Praxis zeigt jedoch, dass die größten Herausforderungen an anderer Stelle liegen.

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Entscheidend sind funktionierende Prozesse für Freigaben, Qualitätssicherung, Produkthaftung, Einkauf, Logistik und Vertrieb. Deswegen wurde die additive Fertigung bei Daimler Buses nicht als isolierte Technologie, sondern als ganzheitliches Geschäftsmodell aufgebaut. Spezialisierte Teams aus Entwicklung, Einkauf, Logistik, Qualität, Vertrieb und Produktmanagement arbeiten eng entlang der gesamten Wertschöpfungskette zusammen. Die wichtigste Lehre für andere Unternehmen lautet daher: Additive Fertigung scheitert selten am Drucker. Sie scheitert an fehlenden Prozessen.

Der entscheidende Wandel lautet: weg vom Rapid Prototyping, hin zum Direct Manufacturing. Bei Daimler Truck & Buses umfasst das Portfolio heute hochfeste Serienteile, Ersatzteile, Montagehilfen, Vorrichtungen, Sonderlösungen, Oldtimer-Komponenten und sogenannte Emergency Parts.(Bild:  Daimler Trucks & Buses)
Der entscheidende Wandel lautet: weg vom Rapid Prototyping, hin zum Direct Manufacturing. Bei Daimler Truck & Buses umfasst das Portfolio heute hochfeste Serienteile, Ersatzteile, Montagehilfen, Vorrichtungen, Sonderlösungen, Oldtimer-Komponenten und sogenannte Emergency Parts.
(Bild: Daimler Trucks & Buses)

Vom physischen Teil zum digitalen Lager

Die eigentliche Transformation erfolgt in drei Schritten. Zunächst werden geeignete Bauteile identifiziert und digitalisiert. Anschließend werden die Datenmodelle im digitalen Lager gespeichert, anstatt physische Bestände vorzuhalten. Benötigt ein Kunde später ein Teil, wird dieses innerhalb definierter Qualitätsstandards produziert.

Dadurch verschiebt sich die Wertschöpfung grundlegend. Nicht mehr das Bauteil bewegt sich durch globale Lieferketten, sondern der digitale Zwilling für den industriellen 3D-Druck. Aus einer physischen Lieferkette wird eine digitale Lieferkette.

Der entscheidende Engpass: Datensicherheit

Genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche Innovationsleistung. Denn wer Konstruktionsdaten ungeschützt verteilt, verliert die Kontrolle über Qualität, Haftung und geistiges Eigentum. Produkte könnten unautorisiert gefertigt oder verändert werden.

Daimler Buses entwickelte deshalb als eines von wenigen Unternehmen im Automotive-Bereich ein weltweit erstes umfassendes Lizenzmanagement dieser Art. Digitale Modelle werden im Digital Warehouse gespeichert und über verschiedene Digital-Rights-Management-Lösungen geschützt bereitgestellt. Damit entsteht eine vollständig integrierte End-to-End-Lösung aus digitalem Lager, Lizenzmanagement, Datensicherheit und dezentraler Fertigung.

Das Ergebnis: Aus einem physischen Ersatzteil wird ein digitales Produkt mit kontrollierter Nutzung.

Nachhaltigkeit neu gedacht

Die Diskussion über Nachhaltigkeit konzentriert sich häufig auf den Energieverbrauch des Druckprozesses. Der entscheidende Effekt entsteht jedoch an anderer Stelle. Die größten Einsparpotenziale liegen in der Vermeidung unnötiger Produktion, der Reduzierung von Lagerbeständen und dem Wegfall zahlreicher Transporte. Das digitale Lager kann erhebliche CO2-Einsparungen ermöglichen, ebenso der Versand von Daten statt physischer Güter. Nicht das Drucken selbst verändert die Bilanz entscheidend, sondern das Vermeiden von Überproduktion und Transport.

Das Video ist eine Produktion des Digitalisierungszentrum Ulm I Alb-Donau I Biberach.

Vom Kompetenzzentrum zum neuen Geschäftsmodell

Die nächste Entwicklungsstufe ist bereits eingeleitet. Aus dem internen Center of Competence entsteht mit Additive Manufacturing Solutions (AMS) by Daimler Truck ein erweitertes Angebot für externe Kunden. Die Erfahrungen aus dem Busgeschäft dienen als Blaupause für andere Branchen mit vergleichbaren Herausforderungen, darunter Oldtimer, Caravaning, Agrartechnik sowie maritime Anwendungen. Das Angebot reicht von Part Screening und Bauteildigitalisierung über Lizenzmodelle und Individualisierung bis hin zur Serienfertigung und Prozessberatung.

Die eigentliche Botschaft

Der Blick in die Zukunft zeigt, dass der industrielle 3D-Druck nur ein Baustein einer umfassenderen digitalen Transformation ist. Digitale Zwillinge, digitale Lager, automatisierte Lieferketten und datenbasierte Geschäftsmodelle werden zunehmend zusammenwachsen.

Die wichtigste Botschaft lautet deshalb nicht: „Kauft einen 3D-Drucker.“ Die entscheidende Frage lautet: Welche Bauteile lassen sich digitalisieren, wem gehören die Daten und wie können Qualität, Produkthaftung und Nutzungsrechte sicher organisiert werden?

Die Hardware ist heute verfügbar. Der nachhaltige Wettbewerbsvorteil entsteht in den Prozessen, Datenmodellen und Geschäftsmodellen rund um die additive Fertigung. Genau dort entscheidet sich, wer industriellen 3D-Druck lediglich nutzt – und wer damit die Lieferketten der Zukunft gestaltet.

Ralf Anderhofstadt
Ralf Anderhofstadt ist Head of Additive Manufacturing & Additive Manufacturing Solutions (AMS) by Daimler Truck; Head of Customer Services & Parts Sourcing; Erweiterer Vorstand Verband 3DDruck e.V. für Digitalisierung & Logistik, Autor.

Bildquelle: Daimler Trucks & Buses