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Materialtrends im polymerbasierten 3D-Druck Hochleistungskunststoffe für Ersatzteilmanagement, Produktion und Service

Von Dr.-Ing. Bastian Gaedike, Malping GmbH 5 min Lesedauer

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Additive Fertigung hat den Sprung vom Prototyping-Werkzeug zur strategischen Fertigungstechnologie geschafft. Ob On-Demand-Ersatzteile, Kleinserien oder funktionskritische Komponenten im Dauereinsatz – über Erfolg oder Scheitern der industriellen Skalierung entscheidet vor allem eines: das richtige Material. Ein Überblick über die wichtigsten Materialtrends im polymerbasierten 3D-Druck: von Hochleistungspolymeren wie PEEK über faserverstärkte Compounds bis zum Granulatdruck (FGF).

Granulatdruck (FGF) macht großformatige Funktionsbauteile aus Hochleistungspolymeren wie Ultem 9085 wirtschaftlich.(Bild:  NEW AIM3D)
Granulatdruck (FGF) macht großformatige Funktionsbauteile aus Hochleistungspolymeren wie Ultem 9085 wirtschaftlich.
(Bild: NEW AIM3D)

Lange galt der 3D-Druck von Kunststoffen als Domäne des Prototypenbaus. Diese Zeiten sind vorbei: In Maschinenbau, Elektrotechnik, Medizintechnik und chemischer Verfahrenstechnik werden additiv gefertigte Polymerbauteile heute als einbaufertige Funktionsteile eingesetzt: als Ersatzteil für abgekündigte Komponenten, als Betriebsmittel in der Produktion oder als Serienbauteil in kleinen Losgrößen.

Damit verschieben sich die Anforderungen fundamental. Wo beim Prototyp Optik und Haptik genügten, zählen im industriellen Einsatz Dauergebrauchstemperatur, Chemikalienbeständigkeit, Maßhaltigkeit, Kriechverhalten und reproduzierbare mechanische Kennwerte. Die Materialfrage wird damit zur Kernfrage jeder Additive-Manufacturing-Strategie und sie entscheidet, ob sich 3D-Druck sinnvoll in Supply-Chain- und Instandhaltungsprozesse integrieren lässt.

Trend 1: Hochleistungspolymere werden industrietauglich

Der deutlichste Trend der vergangenen Jahre: Hochleistungskunststoffe, die früher der Spritzguss- und Zerspanungswelt vorbehalten waren, sind heute zuverlässig druckbar. Allen voran PEEK (Polyetheretherketon) mit einer Dauergebrauchstemperatur von rund 250 °C, exzellenter Chemikalienbeständigkeit und einem mechanischen Eigenschaftsprofil, das in vielen Anwendungen Metalle ersetzen kann und das bei einem Bruchteil des Gewichts.

Daneben etablieren sich weitere Vertreter der PAEK-Familie: PEKK mit seiner langsameren Kristallisation, die den Druckprozess robuster macht, und LM-PAEK, das speziell für die additive Verarbeitung entwickelt wurde. Für Anwendungen mit Brandschutzanforderungen – etwa in Bahntechnik oder Luftfahrt, hat sich ULTEM 9085 (PEI) als Standard etabliert. Und PPS, häufig als glasfaserverstärktes PPS-GF20 oder -GF40, bietet ein attraktives Verhältnis aus Chemikalienbeständigkeit, Temperaturfestigkeit und Materialkosten – gerade für Bauteile in der Prozessindustrie.

Für die Praxis bedeutet das: Die Frage lautet nicht mehr, ob ein technisches Bauteil additiv gefertigt werden kann, sondern welches Material das Anforderungsprofil am wirtschaftlichsten erfüllt.

Wirtschaftliche Alternative für Hochleistungspolymere: PPS-GF für Dauerbelastungen bis 200 °C.
(Bild: Malping)

Trend 2: Faserverstärkte Compounds schließen die Steifigkeitslücke

Der zweite große Trend sind carbon- und glasfaserverstärkte Materialien. Kunststoffe wie PA12-CF15, PC-CF oder PEEK mit 20 % Glasfaser- bzw. 30 % Carbonfaseranteil erreichen Steifigkeiten, die unverstärkte Polymere deutlich übertreffen und erschließen damit Anwendungen wie Vorrichtungen, Greifer, Halterungen und strukturell belastete Ersatzteile.

Die Kehrseite: Faserverstärkte Compounds sind stark abrasiv und stellen hohe Anforderungen an die Verarbeitungstechnik: von verschleißfesten Düsen bis zum Temperaturmanagement im Bauraum. Wer faserverstärkte Hochleistungspolymere prozesssicher verarbeiten will, braucht Anlagentechnik und Prozess-Know-how, die über den Standard-3D-Drucker deutlich hinausgehen. Genau hier trennt sich in der Praxis die Spreu vom Weizen: Materialdatenblätter beschreiben das Potenzial, aber erst ein beherrschter Prozess macht daraus reproduzierbare Bauteilqualität.

Trend 3: Granulatdruck (FGF) macht große Bauteile wirtschaftlich

Der vielleicht spannendste Entwicklungssprung findet derzeit beim Granulatdruck statt, international als FGF (Fused Granulate Fabrication) bezeichnet. Statt Filament verarbeitet der Drucker Standard-Kunststoffgranulat, wie es auch im Spritzguss eingesetzt wird – mit erheblichen Folgen für die Wirtschaftlichkeit: Während PEEK-Filament je nach Typ 500 bis 700 Euro pro Kilogramm kostet, liegt das entsprechende Granulat bei etwa 80 bis 120 Euro.

Als Faustregel aus der Praxis gilt: Ab einem Bauteilvolumen von rund 300 Kubikzentimetern wird der Granulatdruck gegenüber dem Filamentdruck wirtschaftlich überlegen. Damit öffnet FGF die Tür zu großvolumigen Funktionsbauteilen aus Hochleistungskunststoffen – einer Bauteilklasse, die bisher aus Kostengründen zerspant, spritzgegossen oder schlicht nicht in Kunststoff realisiert wurde. In Kombination mit CNC-Nachbearbeitung entstehen so Bauteile mit endkonturnaher additiver Grundgeometrie und zerspanend erzeugten Funktionsflächen in engen Toleranzen, also das Beste aus beiden Fertigungswelten.

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Materialstrategie im Ersatzteilmanagement: digital statt physisch lagern

Ihre volle strategische Wirkung entfalten diese Materialtrends im Ersatzteilmanagement. Das Konzept des digitalen Ersatzteillagers, also Bauteildaten statt physischer Bestände vorzuhalten und Ersatzteile on demand zu drucken, steht und fällt mit der Materialfrage: Ist das Originalmaterial druckbar? Falls nicht: Welches additive Material ist funktionsäquivalent?

In der Praxis hat sich ein anforderungsgetriebenes Vorgehen bewährt: Zuerst wird geklärt, welche Eigenschaft das Bauteil tatsächlich limitiert. Temperatur, Medienkontakt, mechanische Last oder Geometrie. Erst dann fällt die Materialentscheidung. Ein abgekündigtes Spritzgussteil aus PA6-GF30 muss nicht zwingend in PA reproduziert werden; je nach Lastfall kann sogar ein simples PLA oder ein carbonfaserverstärktes Polymer die robustere und langfristig verfügbare Lösung sein. Diese Materialsubstitution ist der Schlüssel, um Obsoleszenz-Probleme zu lösen, Lagerkosten zu senken und Stillstandszeiten in der Instandhaltung drastisch zu verkürzen. Die Neubeschaffungszeit sinkt von mehreren Wochen auf wenige Tage für den On-Demand-Druck.

Ein typisches Anwendungsbeispiel sind Gehäusekomponenten von Hochvoltsteckern: Hier treffen hohe Anforderungen an die elektrische Isolation (Durchschlag- und Kriechstromfestigkeit) auf mechanischen Verschleiß durch wiederholte Steckzyklen. Hochleistungspolymere wie PEEK vereinen beide Eigenschaften: hohe dielektrische Festigkeit bei zugleich ausgezeichneter Abrieb- und Verschleißfestigkeit. Additiv gefertigt entsteht ein solches Ersatzteil in wenigen Tagen aus dem digitalen Datensatz – in Losgröße 1 und ohne Werkzeugkosten, auf Wunsch inklusive konstruktiver Anpassungen wie optimierter Rastgeometrien oder fertigungsgerecht überarbeiteter Wandstärken.

AdditivX | 22. September 2026

Additive Fertigung als Werkzeug für Supply Chain, Produktion und Service

AdditivX – Additive Fertigung als Werkzeug für Supply Chain, Produktion und Service
(Bild: Vogel Communications Group / WIN-Verlag)

Die Tagung soll zeigen, wie Kunststoff- und auch Metall-3D-Druck als strategisches Werkzeug für Ersatzteile eingesetzt werden kann – unabhängig von der Branche. Im Mittelpunkt stehen Materialien, Prozesse, Wirtschaftlichkeit und Integration in bestehende Produktions- und Instandhaltungsstrukturen auch aus weiteren Bereichen der additiven Fertigung.

Schwerpunkte der Veranstaltung:

  • Additive Transformation @ Daimler Truck & Buses (Keynote)

  • Welche material- und prozesstechnischen Anforderungen muss ein Hochleistungswerkstoff in der additiven Fertigung erfüllen?

  • Digitales Ersatzteillager: Fiktion oder Realität?

  • Regulatorisches

  • Highlight: Führung durch das SKZ Technikum

Ausblick: Material, Prozess und Nachbearbeitung wachsen zusammen

Die Entwicklung zeigt klar in eine Richtung: Additive Fertigung mit Hochleistungskunststoffen wird vom Spezialverfahren zum festen Bestandteil industrieller Fertigungs- und Servicestrategien. Die Materialpalette wächst, der Granulatdruck senkt die Kostenhürde für große Bauteile, und die Kombination mit CNC-Bearbeitung löst das Toleranzproblem. Wer heute eine Ersatzteil- oder Kleinserienstrategie aufbaut, sollte die Materialfrage an den Anfang stellen, nicht ans Ende.

Wie sich diese Trends konkret in Supply-Chain- und Instandhaltungsstrategien übersetzen lassen, zeigt der Vortrag „Hochleistungsmaterialien im Kunststoff-3D-Druck – Vom Prototyp zur strategischen Ersatzteillösung“ auf der Fachtagung AdditivX am 22. September 2026 in Würzburg, mit Anwendungsbeispielen aus Maschinenbau, Elektrotechnik und Verfahrenstechnik.

Infokasten: Drei Fragen aus der Praxis

Welches Material eignet sich für 3D-gedruckte Ersatzteile mit hoher Temperatur- und Chemikalienbelastung?
 
Für Dauereinsatztemperaturen bis rund 250 °C und aggressive Medien ist PEEK die erste Wahl; PPS-GF20 ist die wirtschaftliche Alternative für moderatere Anforderungen, ULTEM 9085 der Standard bei Brandschutzanforderungen.

Ab wann lohnt sich Granulatdruck (FGF) gegenüber Filamentdruck (FFF)?
 
Als Faustregel ab etwa 300 cm³ Bauteilvolumen. Der Preisunterschied zwischen Granulat (ca. 80–120 €/kg bei PEEK) und Filament (500–700 €/kg) macht große Bauteile im FGF-Verfahren deutlich günstiger.

Können 3D-gedruckte Kunststoffbauteile enge Toleranzen einhalten?
 
Ja, über kombinierte Prozessketten: Die additive Fertigung erzeugt die endkonturnahe Grundgeometrie, die CNC-Nachbearbeitung bringt Funktionsflächen, Passungen und Bohrungen auf Toleranz.

Dr.-Ing. Bastian Gaedike
Dr.-Ing. Bastian Gaedike ist Gründer und Geschäftsführer der Malping GmbH in Neuhausen auf den Fildern bei Stuttgart. Das Unternehmen ist auf die additive Fertigung von Hochleistungskunststoffen wie PEEK, PEKK und faserverstärkten Compounds spezialisiert und kombiniert Filamentdruck (FFF), Granulatdruck (FGF) und CNC-Nachbearbeitung zu durchgängigen Prozessketten für Industrie-Ersatzteile und Kleinserien. 

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