Die deutsche Zulieferindustrie steckt tief in der Strukturkrise: Rückläufige Produktionszahlen und steigende Kosten gefährden die Substanz. Besonders Kunststoffverarbeiter blicken mit Sorge auf die kommende EU-Altautoverordnung, die unrealistische Rezyklatquoten und bürokratische Hürden mit sich bringt.
Christian Vietmeyer, Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Zulieferindustrie: Die Stimmung bleibt damit klar im negativen Bereich.
(Bild: ArGeZ)
Die wirtschaftliche Lage der deutschen Zulieferer verschlechtert sich zusehends, wie die Arbeitsgemeinschaft Zulieferindustrie (ArGeZ) gestern auf der Hannover Messe in einer Pressekonferenz verkündete. Im Jahr 2025 verzeichnete die Branche einen Umsatzrückgang von 1,1 Prozent, während die Produktion um 1,0 Prozent sank – das vierte Minusjahr in Folge. Auch der Start in das Jahr 2026 bietet keinen Grund zur Hoffnung: Die Produktion ging in den ersten beiden Monaten bereits um weitere 0,4 Prozent zurück. Das ifo-Geschäftsklima stürzte im März 2026 von -14,4 auf -24,1 Punkte ab, was den schlechtesten Wert seit einem Jahr markiert.
„Nur etwa jeder zehnte Zulieferer bewertet seine aktuelle Lage als gut, während lediglich 16 Prozent der Branche eine Besserung in den kommenden sechs Monaten erwarten. Die Stimmung bleibt damit klar im negativen Bereich“, sagt Christian Vietmeyer, Hauptgeschäftsführer der Arbeitsgemeinschaft Zulieferindustrie (ArGeZ).
Kostenexplosion und Investitionsstau
Zunehmender internationaler Wettbewerbsdruck und steigende Importe, etwa bei Eisen- und Stahlwaren (+10 Prozent), setzen die heimischen Betriebe unter Druck. Als Hauptprobleme identifiziert die Branche die im internationalen Vergleich zu hohen Arbeitskosten und nicht wettbewerbsfähige Energiepreise. Die ArGeZ fordert daher eine Reform der Sozialversicherungen zur Senkung der Lohnzusatzkosten auf maximal 40 Prozent sowie eine Erhöhung des Arbeitsvolumens durch längere Arbeitszeiten.
Zudem belasten nationale Sonderwege wie der deutsche CO2-Preis, der über dem EU-Niveau für große Emittenten liegt, vor allem mittelständische Unternehmen. „Immer wieder treffen Geschäftsleitungen von Zulieferern die Entscheidung, in ausländische Werke anstatt in den deutschen Standort zu investieren. Oder die Kunden ziehen die Aufträge aus Deutschland ab. Wir bluten langsam aus“, sagt Dr. Martin Theuringer, Hauptgeschäftsführer Bundesverband der Deutschen Gießerei-Industrie.
Kritische Hürden durch die neue EU-Altautoverordnung
Für die Kunststoffbranche rückt die für den Sommer 2026 erwartete EU-Altautoverordnung (ELVR) in den Fokus. Diese sieht ab 2032 eine Rezyklatquote von 15 % für Kunststoffbauteile vor, die jedoch ausschließlich durch Post-Consumer-Abfälle (PCR) gedeckt werden darf. Die Industrie warnt vor massiven Versorgungsengpässen, da dieser Rezyklatstrom auch von anderen Sektoren wie der Verpackungs- oder Bauindustrie beansprucht wird. Unverständlich bleibt für die Verarbeiter, warum hochwertige Produktionsabfälle aus der Teileherstellung bei der Quotenberechnung unberücksichtigt bleiben.
Michael Weigelt, Geschäftsführer Tecpart, fordert bürokratiearme Prozesse und Entlastung bei den Energiekosten.
(Bild: Tecpart)
Zusätzlich fehlt bisher ein tragfähiger Markt für die wirtschaftliche Demontage und Vermarktung von Altkunststoffen, was bereits jetzt zu einem Rückgang von Recyclingbetrieben führt, da Neuware oft kostengünstiger verfügbar ist. Die Branche fordert daher praxistaugliche Regelungen, die technologische Offenheit garantieren und zusätzliche Bürokratie vermeiden.
„Bei der Umsetzung der Altautoverordnung muss auf schlanke, bürokratiearme Prozesse und Entlastung der Recyclingbetriebe bei den Energiekosten geachtet werden, denn nur wirtschaftlich rentable Rezyklate werden den Eingang über die Kunststoffverarbeiter in europäische Fahrzeuge finden“, sagt Michael Weigelt, Geschäftsführer Tecpart.
Boomende Rüstungsindustrie als Rettungsanker?
Angesichts dieser Herausforderungen rückt zunehmend die boomende Rüstungsindustrie in den Fokus. Es stellt sich die Frage, ob und unter welchen Voraussetzungen die Verteidigungstechnik für Kunststoffverarbeiter ein zusätzliches Marktumfeld bieten kann, das die massiven Verluste in klassischen Abnahmemärkten wie der Automobilindustrie kompensiert.
Obwohl fast jedes dritte Industrieunternehmen im Rüstungssektor Chancen sieht, warnen Experten, dass dieser Bereich die massiven Volumeneinbußen der Automobilindustrie nicht allein kompensieren kann. Die Rüstungsproduktion ist spezialisierter, weniger auf Massenfertigung ausgelegt und unterliegt strengen Regulierungen.
Der Wechsel von zivilen zu militärischen Märkten erfordert damit eine strategische Neuausrichtung: Erforderlich sind oft ISO-Standards sowie spezifische Qualifizierungsprozesse. Die Verteidigungsindustrie verlangt eine lückenlose Dokumentation und Rückverfolgbarkeit jedes Bauteils sowie ESD-gerechte Fertigung. Da Rüstungsgüter oft in kleineren Stückzahlen, aber mit höherer Komplexität als Autoteile produziert werden, ist eine Auftragsfertigung für etablierte Rüstungskonzerne ein möglicher Einstiegsweg.
Stand: 16.12.2025
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