Innovationsdebatte in der Kunststoffindustrie »Was uns zu oft fehlt, ist der Sprung von der Idee in den Markt«

Das Gespräch führte Matthias Gutbrod 7 min Lesedauer

Anbieter zum Thema

Deutschland glänzt mit Patenten und Grundlagenforschung in der Polymerchemie. Dennoch scheitert der industrielle Durchbruch allzu oft an heimischen Rahmenbedingungen. Warum schaffen es Innovationen in Deutschland häufig nicht vom Labor in die industrielle Anwendung?

Dr. Christine Bunte (l.), Hauptgeschäftsführerin bei Plastics Europe Deutschland, im Hintergrundgespräch mit PlastXnow.(Bild:  PlastXnow/Melanie Ehrhardt)
Dr. Christine Bunte (l.), Hauptgeschäftsführerin bei Plastics Europe Deutschland, im Hintergrundgespräch mit PlastXnow.
(Bild: PlastXnow/Melanie Ehrhardt)

Berlin, Motel One am Alexanderplatz: Anlässlich einer Innovations-Pressekonferenz von Plastics Europe Deutschland traf PlastXnow die Hauptgeschäftsführerin Dr. Christine Bunte zum Hintergrundgespräch. Bei einem Glas Wein spricht die promovierte Polymerchemikerin über die unterschätzte Rolle von Kunststoffen in modernen Zukunftstechnologien, die lähmende Wirkung ausufernder Berichtspflichten und die Dringlichkeit, das integrierte industrielle Ökosystem in Deutschland konsequent zu schützen.

Frau Dr. Bunte, Plastics Europe Deutschland lud Ende September in Berlin zu einer Pressekonferenz, um über die Rolle von Kunststoffen bei Innovationen zu informieren. Benötigt ein so etablierter Werkstoff eine eigene Bühne, um der Politik und der Öffentlichkeit seine Bedeutung zu erklären?

Dr. Christine Bunte: Gehen Sie vor dem Hotel am Alexanderplatz auf die Straße und fragen Sie Passanten, was sie mit Kunststoffen verbinden: Das Wort Innovation wird garantiert nicht fallen. Es dominiert eine einseitige Wahrnehmung. Zudem werden politische Entscheider und Medien derzeit von einer unendlichen Themenflut überschüttet. In diesem Lärm müssen wir glasklar aufzeigen, warum es sich lohnt, der Kunststoffindustrie zuzuhören und sie gezielt am Standort zu unterstützen. Genau das mit konkreten Praxisbeispielen aufzeigen.

Traditionelle Werkstoffe wie Metall oder Glas existieren seit Jahrhunderten. Warum sehen Sie ausgerechnet Kunststoffe als unverzichtbaren Schlüsselwerkstoff für künftige Technologien?

Bunte: Weil Kunststoffe eine Eigenschaftskombination vereinen, die kein anderes Material bietet. Neben Stärken wie Langlebigkeit, Formbarkeit, geringem Gewicht und hoher Stabilität stoßen wir in neue Funktionsbereiche vor. Denken Sie an spezifische optische Eigenschaften für autonomes Fahren oder die hohe Biokompatibilität in der Medizintechnik. Ob Robotik, Luftfahrt, modernes Wohnen oder Energienetze: Kunststoffe übernehmen in fast allen Zukunftstechnologien funktionale Schlüsselrollen.

Traditionelle Werkstoffe wie Metall oder Glas existieren seit Jahrhunderten. Warum sehen Sie ausgerechnet Kunststoffe als unverzichtbaren Schlüsselwerkstoff für künftige Technologien?

Bunte: Weil Kunststoffe eine Eigenschaftskombination vereinen, die kein anderes Material bietet. Neben Stärken wie Langlebigkeit, Formbarkeit, geringem Gewicht und hoher Stabilität stoßen wir in neue Funktionsbereiche vor. Denken Sie an spezifische optische Eigenschaften für autonomes Fahren oder die hohe Biokompatibilität in der Medizintechnik. Ob Robotik, Luftfahrt, modernes Wohnen oder Energienetze: Kunststoffe übernehmen in fast allen Zukunftstechnologien funktionale Schlüsselrollen.

Spitzen Sie das nicht etwas sehr stark zu? Lässt sich daraus die plakative Formel ableiten: Ohne Kunststoff gibt es schlicht keine Innovation?

Bunte: Als Wissenschaftlerin überlege ich natürlich sofort, in welchen Feldern Innovation ganz ohne Kunststoffe auskommt. Aber selbst in den Maschinen für Metallverarbeitung stecken Polymere. Ganz ohne Kunststoffe wird es in einer modernen Industriegesellschaft schlicht unmöglich, technologischen Fortschritt zu erzielen.

Nun klagt die Branche seit Jahren über zu hohe Energiekosten. Einige Volkswirte sehen das Problem nicht. Soll Deutschland doch die energieintensive Erzeugung von Standard-Rohpolymeren in Länder mit günstigen Energie- und Rohstoffpreisen verlagern und sich selbst auf das hochwertige Compounding, den Spezialmaschinenbau und die Präzisionsverarbeitung konzentrieren. Warum braucht Deutschland eine eigene Kunststofferzeugung?

Bunte: Das ist eine zentrale Zukunftsfrage für alle energieintensiven Branchen. Zwei schlagkräftige Argumente sprechen für den Erhalt der Wertschöpfungskette. Erstens: Je spezialisierter eine High-End-Anwendung ist, desto exakter muss das Zusammenspiel aus Material, Verarbeitungsverfahren und Maschinenbau aufeinander abgestimmt sein. Unsere Stärke in Deutschland liegt genau in diesem integrierten Ökosystem aus Erzeugern, Verarbeitern, Maschinenbauern und Recyclern. Zweitens geht es um strategische Resilienz und industrielle Unabhängigkeit. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, wohin es führt, wenn wir uns von Importen abhängig machen. Solche Importe erscheinen so lange günstig, bis eine vollständige Abhängigkeit eingetreten ist – danach wird es teuer und wir werden geopolitisch erpressbar.

Importe erscheinen so lange günstig, bis eine vollständige Abhängigkeit eingetreten ist – danach wird es schlagartig teuer und wir werden geopolitisch erpressbar.

Neben den zu hohen Energiekosten beklagen Branchenvertreter die  bürokratische Überfrachtung und schleppende Genehmigungen. Wie soll der Erhalt des Standorts gelingen, wenn diese Grundprobleme ungelöst bleiben?

Bunte: Wenn wir bei Energiekosten, Rohstoffverfügbarkeit, Bürokratie und Verfahrensgeschwindigkeit nicht spürbar ansetzen, wird sich keine Industrie in Deutschland auf Dauer halten können – egal ob Kunststoffindustrie oder Robotik. Es nützt nichts, neue Zukunftsbranchen aufbauen zu wollen, wenn das industrielle Fundament bröckelt. Ich sehe zwar die aktuellen Reformpakete der Bundesregierung, aber das Tempo reicht nicht aus. Mein Appell an die Politik lautet: Zieht diese Reformen mit voller Konsequenz und noch schneller durch. Die Menschen sind nicht genervt, weil zu viel passiert, sondern weil viel zu wenig passiert.

Die Menschen und Unternehmen sind nicht genervt, weil zu viel passiert, sondern weil spürbar viel zu wenig passiert.

In der Debatte um die Kreislaufwirtschaft wirkt Regulierung oft wie ein Paradoxon: Ist Regulierung nun Schwimmhilfe oder Mühlstein für Innovationen?

Bunte: Es ist eindeutig beides – entscheidend ist die handwerkliche Qualität der Gesetzgebung. Nehmen wir als Beispiel die europäische Verpackungsverordnung PPWR. Die Ziele wie Recyclingfähigkeit, Rezyklateinsatz und Wiederverwendung sind gut. Allerdings ist die Ausgestaltung derart komplex geraten, dass selbst Experten lange Zeit nicht definieren konnten, wer welche Pflichten hat. Unternehmen mussten gewaltige Kapazitäten aufwenden, nur um zu klären, welche Rolle sie im System einnehmen. Das ist unnötige Bürokratie ohne ökologischen Nutzen. 

Welche Folgen hat diese Unsicherheit für konkrete Investitionen in Recyclingtechnologien?

Bunte: Absolut hemmende. Wenn bis heute nicht zweifelsfrei feststeht, wie Rezyklatquoten berechnet oder ob Ziele revidiert werden, fehlt die Basis für jeden Business Case. Kein Unternehmen investiert zweistellige Millionenbeträge in neuartige Recyclingverfahren, wenn unklar ist, ob dafür auch noch in vier Jahren ein regulatorischer Anreiz existiert. Wir brauchen Gesetze, die verlässliche Marktgrundlagen schaffen, frühes Handeln belohnen und Instrumente wie die Ökomodulierung von Lizenzentgelten rasch wirksam machen.

Wenn Sie der Politik morgen ein einziges Gesetz vorlegen dürften, um Innovationen und Investitionen zu fördern: Welches wäre das?

Bunte: Ich lege morgen ein Gesetz vor, das die staatlichen und betrieblichen Systemkosten verbindlich um 50 Prozent senkt. Damit meine ich das konsequente Eliminieren von Ineffizienzen. Bei Unternehmen binden bürokratische Berichtspflichten gewaltige Ressourcen – oft in dem Wissen, dass auf Behördenseite niemand sitzt, der die Berichte überhaupt lesen oder bewerten kann. Man schreibt zur Absicherung für den Papierkorb, getreu dem Motto 'Cover my ass'. Wenn wir diese Lähmung und die Vollzugskosten des Staates halbieren, setzen wir enorme Potenziale für kreative Prozesse und echte Innovationen frei.

Man schreibt zur Absicherung für den Papierkorb, getreu dem Motto ‚Cover my ass‘. Wenn wir diese bürokratische Lähmung um 50 % reduzieren, setzen wir enorme Potenziale für kreative Prozesse frei.

Welche konkreten Innovationsprojekte Ihrer Mitgliedsunternehmen faszinieren Sie derzeit besonders?

Dr. Christine Bunte auf der Innovations-Pressekonferenz in Berlin: „Innovation made in Germany darf nicht in Pilotanlagen steckenbleiben, sondern muss hierzulande im industriellen Maßstab Realität werden.“(Bild:  Plastics Europe Deutschland)
Dr. Christine Bunte auf der Innovations-Pressekonferenz in Berlin: „Innovation made in Germany darf nicht in Pilotanlagen steckenbleiben, sondern muss hierzulande im industriellen Maßstab Realität werden.“
(Bild: Plastics Europe Deutschland)

Bunte: Wir sehen faszinierende Anwendungen von Kunststoffen in Sensorik, Robotik, Medizintechnik sowie bei erneuerbaren Energien. Im Bereich der Kreislaufwirtschaft entwickeln Unternehmen hochmoderne Konzepte, um aus bisher nicht recycelbaren Abfällen wieder hochwertige chemische Rohstoffe zu gewinnen. Zudem zeigen Firmen, wie sie KI und Digitalisierung einsetzen, um neuartige Materialien effizient zu entwickeln.

Deutsche Unternehmen und Institute melden Spitzentechnologien zum Patent an, die industrielle Verwertung wandert jedoch oft ab. Wie bekommen wir die Skalierung zurück nach Deutschland?

Bunte: Wir verfügen über eine exzellente Forschung, widmen dem Skalierungsschritt aber zu wenig Aufmerksamkeit. Staatliche Förderprogramme sind viel zu stark auf Grundlagenforschung ausgerichtet. Es fehlen Programme, welche die Weiterentwicklung der Technologien und die Skalierung hin zum marktfähigen Produkt systematisch unterstützen.

Fehlt es den Unternehmen dabei auch an unternehmerischem Mut und Risikobereitschaft?

Bunte: Das ist auch eine gesellschaftliche Frage: Wie viel Risiko wollen wir tragen? Wir sind in Deutschland derzeit stark auf Erhalt statt auf Veränderung gepolt. Die Unternehmenskultur spiegelt diese Haltung wider. Dennoch investieren Kunststoffunternehmen derzeit erhebliche Summen unter hohem Risiko am Standort. Wenn aber absehbar ist, dass Firmen bei Großanlagen dauerhaft draufzahlen, werden sie diesen Schritt nicht machen. Es braucht ein Zusammenspiel aus Risikowillen und einem verlässlichen Rahmen, der aus Innovationen nachhaltige Geschäftsmodelle entstehen lässt.

Zur Person

Dr. Christine Bunte ist promovierte Polymerchemikerin und vertritt seit knapp zwei Jahren als Hauptgeschäftsführerin von Plastics Europe Deutschland e. V. die Interessen der Kunststofferzeuger in Deutschland. Vor ihrer Berufung an die Verbandsspitze sammelte sie langjährige Führungserfahrung an den Schnittstellen von Chemieforschung, Industriepolitik und Nachhaltigkeitsstrategien. Sie setzt sich intensiv für den beschleunigten Umbau der Industrie hin zu einer zirkulären, klimaneutralen Werkstoffwirtschaft und die Stärkung des Innovationsstandorts Deutschland ein.

Darum geht’s

Werkstoffträger für Innovationen: Kunststoffe liefern Schlüsselfunktionen für Medizintechnik, autonomes Fahren und die Energiewende, die von keinem anderen Material abgedeckt werden können. 

Integrierte Wertschöpfung schützen: Die enge Verzahnung von Erzeugern, Verarbeitern, Maschinenbauern und Recyclern am Standort Deutschland bildet das Fundament auch für neue High-End-Anwendungen.

Regulierung entrümpeln: Eine Reduzierung der staatlichen und betrieblichen System- und Bürokratieregeln ist Voraussetzung, um Innovations-Geschäftsmodelle wirtschaftlich tragfähig zu machen.

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung