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Plastics Europe: Innovationskonferenz in Berlin Kunststoffe als Enabler einer Hightech-Agenda

Von Matthias Gutbrod 4 min Lesedauer

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Ohne innovative Polymerwerkstoffe lassen sich neue Schlüsseltechnologien in Deutschland kaum realisieren. Das verdeutlichte der Verband Plastics Europe Deutschland kürzlich auf einer Innovationskonferenz in Berlin. Entscheidend für den Standort Deutschland sei der jedoch der Übergang vom Labor in die Großserie, was wettbewerbsfähige Bedingungen erfordert. 

Podiumsdiskussion in Berlin zur Bedeutung der Kunststoffbranche für den Innovationsstandort Deutschland. V.l: Dr. Carsten Gerhardt (EY), Prof. Manfred Renner (Fraunhofer CCPE) und Dr. Christine Bunte (Plastics Europe Deutschland).(Bild:  Plastics Europe Deutschland)
Podiumsdiskussion in Berlin zur Bedeutung der Kunststoffbranche für den Innovationsstandort Deutschland. V.l: Dr. Carsten Gerhardt (EY), Prof. Manfred Renner (Fraunhofer CCPE) und Dr. Christine Bunte (Plastics Europe Deutschland).
(Bild: Plastics Europe Deutschland)

Die Hightech-Agenda der Bundesregierung konzentriert sich auf strategische Zukunftsfelder wie nachhaltige Mobilität, klimaneutrale Energie, Medizintechnik, Robotik, Künstliche Intelligenz, Mikroelektronik und Biotechnologie. Auf einer Innovationskonferenz am 11. September 2026 in Berlin demonstrierten der Verband Plastics Europe Deutschland, Rohstoffhersteller und Forschungsinstitute nun das technologische Potenzial von Kunststoffen für diese Schlüsseltechnologien der Zukunft.

Hightech-Agenda braucht Materialkompetenz

In ihrer Eröffnungsrede betonte Dr. Christine Bunte, Hauptgeschäftsführerin von Plastics Europe Deutschland, dass Kunststoffe weit mehr als Alltagsmaterialien sind, sondern als Schlüssel- und Enablertechnologie die Voraussetzung für Windkraftanlagen, Stromnetze, Leichtbau und Medizintechnik bilden.

Dr. Christine Bunte (Hauptgeschäftsführerin Plastics Europe Deutschland): „Innovation Made in Germany darf nicht in Pilotanlagen steckenbleiben, sondern muss hierzulande im industriellen Maßstab Realität werden.“(Bild:  Plastics Europe Deutschland)
Dr. Christine Bunte (Hauptgeschäftsführerin Plastics Europe Deutschland): „Innovation Made in Germany darf nicht in Pilotanlagen steckenbleiben, sondern muss hierzulande im industriellen Maßstab Realität werden.“
(Bild: Plastics Europe Deutschland)

Deutschland verfüge über ein dichtes Netz aus Hochschulen, Forschungseinrichtungen, etablierten Industrieunternehmen und Start-ups sowie über hoch qualifizierte Fachkräfte – eigentlich die besten Voraussetzungen, um auch in Zukunft ein Industrieland zu bleiben. „Was uns zu oft fehlt, ist der Sprung von der Idee in den Markt“, betonte Dr. Bunte in Berlin. „Gerade deshalb darf unser Land nicht nur auf Sozialreformen blicken, sondern benötigt auch eine neue Innovationsdebatte. Innovation Made in Germany darf nicht in Laboren oder Pilotanlagen stecken bleiben, sondern muss hierzulande im industriellen Maßstab Realität werden. Die Investitionsentscheidungen fallen jetzt, aber dazu braucht es dringend verlässliche Rahmenbedingungen.“

Industrielle Skalierung fördern

Auch die Transformation der Kunststoffbranche hin zu Klimaneutralität und Kreislaufwirtschaft versteht Dr. Bunte als zentrales Innovations- und Resilienzprojekt für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Doch hänge auch hier der künftige Erfolg maßgeblich davon ab, unter welchen Rahmenbedingungen die nächsten Großinvestitionen stattfinden.

Dr. Bunte formulierte drei entscheidende Voraussetzungen für einen erfolgreichen Transformationsprozess. „Erstens muss die internationale Wettbewerbsfähigkeit durch bezahlbare Energie, Infrastrukturausbau und schnelle Genehmigungsverfahren gesichert werden, da auch neue Technologien denselben ökonomischen Gesetzen unterliegen wie traditionelle Branchen.“ 

Zweitens erfordere die Kreislaufwirtschaft funktionierende Märkte durch verlässliche Rezyklateinsatzquoten, ökomodulierte Lizenzentgelte und eine nachhaltige öffentliche Beschaffung. Drittens verlange der Standort mehr Tempo bei der Skalierung, weshalb Transformationsmittel gezielt in industrielle Pilotprojekte fließen müssten und nicht im Bundeshaushalt umgeleitet werden dürften.

Dr. Thorsten Dreier (CTO Covestro): „Die industriellen Zukunftsfelder haben eines gemeinsam: Sie brauchen hohe Materialkompetenz bei Kunststoffen.“(Bild:  Plastics Europe Deutschland)
Dr. Thorsten Dreier (CTO Covestro): „Die industriellen Zukunftsfelder haben eines gemeinsam: Sie brauchen hohe Materialkompetenz bei Kunststoffen.“
(Bild: Plastics Europe Deutschland)

„Die Zukunftsfelder der Hightech-Agenda haben eines gemeinsam: Sie brauchen hohe Materialkompetenz“, betonte auch Dr. Thorsten Dreier, Chief Technology Officer von Covestro, in seinem Impulsvortrag: „Ohne maßgeschneiderte Kunststoffe blieben technologische Fortschritte undurchführbar. Wer Technologieführerschaft anstrebt, muss deshalb auch die dafür erforderlichen Material-, Produktions- und Wertschöpfungsketten im eigenen Land sichern.“

Podiumsdiskussion: Wertschöpfungsketten stärken 

In einer Podiumsdiskussion verwies Dr. Carsten Gerhardt, Partner bei der Unternehmensberatung EY, auf die Bedeutung der Zusammenarbeit von Wissenschaft, Industrie, Start-ups, Investoren und Politik für leistungsfähige Innovationsökosysteme: „Deutschland sollte insgesamt stärker entlang kompletter Wertschöpfungsketten und konkreter Skalierungsprojekte denken.“

Prof. Manfred Renner (Leiter Fraunhofer CCPE und Institutsleiter Fraunhofer Umsicht): „Wer Pilotanlagen und industrielle Skalierung beherrscht, entscheidet am Ende darüber, wo Wertschöpfung und Arbeitsplätze entstehen.“(Bild:  Plastics Europe Deutschland)
Prof. Manfred Renner (Leiter Fraunhofer CCPE und Institutsleiter Fraunhofer Umsicht): „Wer Pilotanlagen und industrielle Skalierung beherrscht, entscheidet am Ende darüber, wo Wertschöpfung und Arbeitsplätze entstehen.“
(Bild: Plastics Europe Deutschland)

Auch Prof. Manfred Renner, Leiter des Fraunhofer Cluster of Excellence Circular Plastics Economy CCPE und Leiter des Fraunhofer-Umsicht, unterstrich auf dem Podium, das größte Risiko bestehe darin, dass andere Regionen neue Technologien schneller industrialisierten. „Wer Pilotanlagen, Demonstrationsprojekte und industrielle Skalierung beherrscht, entscheidet am Ende darüber, wo Wertschöpfung und Arbeitsplätze entstehen und wer bei den Technologien von morgen führend ist.“ 

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Die Transformation zu einer zirkulären und klimaneutralen Kunststoffwirtschaft könne nur gelingen, wenn bestehende Produktionsstrukturen erhalten, und gleichzeitig neue Technologien, Infrastrukturen und Geschäftsmodelle aufgebaut würden. Jens Hambricht, Strategie-Koordinator für Kunststoffrecycling bei BASF, betonte hierzu: „Um wirklich diese Transformation zu erzielen, brauchen wir die erwähnte Rechtssicherheit von Gesetzen, die klare Ziele setzt.“

Beispiele für Kunststoff-Innovationen

Die teilnehmenden Industrieunternehmen demonstrierten auf der Konferenz praxiserprobte Werkstoff- und Verfahrensinnovationen entlang der gesamten Wertschöpfungskette. Covestro präsentierte Leichtbau-Polycarbonate für die Robotik sowie Spezialfolien aus Polyurethan für Wearables in der Medizintechnik. „Kunststoffe können eine ganz besondere Sache, nämlich Dinge integrieren“, bekräftigte Stefan Mechnik, Koordinator für politische Kommunikation bei Covestro.

Matthias Pursch (Dow) zeigte ein voll vernetztes XLPE-Isolationssystem für Gleichstromkabel, die Übertragungsleistung deutlich steigert.(Bild:  Plastics Europe Deutschland)
Matthias Pursch (Dow) zeigte ein voll vernetztes XLPE-Isolationssystem für Gleichstromkabel, die Übertragungsleistung deutlich steigert.
(Bild: Plastics Europe Deutschland)

Dow zeigte ein voll vernetztes XLPE-Isolationssystem für 525-kV-Gleichstromkabel, das höhere Betriebstemperaturen ermöglicht und die Übertragungsleistung um 20 bis 25 % steigert. Borouge International investiert über 150 Mio. Euro am Standort Burghausen zur Verdreifachung der Lieferkapazität für recyclingfähiges High-Melt-Strength-Polypropylen (HMS-PP) und zeigte einen PP-Stoßfängerhalter mit 65 PCR-Content sowie Laufschuhe mit CO2-basierter EVA-Zwischensohle.

Evonik stellte unter dem Namen „Debonding on Demand“ einen Klebstoffzusatz für PUR-Systeme vor, der sich bei Triggertemperaturen von 80 bis 180 °C gezielt entkleben lässt, sowie den De-Inking-Co-Binder Tego Res 1100 zum Entfärben bedruckter Folien. Polymaterials demonstrierte mit der KI-Plattform X-Plorator das virtuelle Compounding, mit dem sich prognosefähige Rezepturen für Kunststoffmischungen in Minuten statt Monaten berechnen lassen. BASF präsentierte verfahrenstechnische Fortschritte beim mechanischen Recycling von PUR-Schäumen, die chemische Depolymerisation von Polyamid-Textilien sowie das massenbilanzierte Ultramid Ccycled mit einem CO₂-Fußabdruck von netto Null.

Andreas Anker (LyondellBasell): „Wir verwandeln Kunststoffmischabfall aus Haushalten zu hochwertigem Pyrolyseöl. Unsere Technologie garantiert dabei eine Ausbeute von mindestens 80 Prozent.“ (Bild:  Plastics Europe Deutschland)
Andreas Anker (LyondellBasell): „Wir verwandeln Kunststoffmischabfall aus Haushalten zu hochwertigem Pyrolyseöl. Unsere Technologie garantiert dabei eine Ausbeute von mindestens 80 Prozent.“
(Bild: Plastics Europe Deutschland)

Im Bereich des chemischen Recyclings betreibt Arcus Greencycling Technologies eine industrielle Pyrolyse-Demonstrationsanlage in Frankfurt-Höchst mit 4.000 jato für gemischte Abfälle. Lyondell Basell baut in Wesseling mit über 250 Mio. Euro Investitionsvolumen eine Moretec-Anlage mit 50.000 jato zur Erzeugung hochwertiger Drop-in-Rohstoffe.

Matterr skaliert im Chemiepark Knapsack eine Hydrolyse-Technologie zur Spaltung komplexer Polyesterabfälle in Reinst-Monomere. „Durch das recycelte Material können Polyester-Hersteller schrittweise ihre Produkte in der Wertschöpfungskette durch nachhaltige Typen ergänzen“, verdeutlicht Melanie Hackler, CEO von Matterr. Röhm entwickelt in Worms ein chemisches Depolymerisationsverfahren für Alt-PMMA mit über 90 % Ausbeute. Und Vinyl Plus Deutschland hob etablierte Closed-Loop-Recyclingkreisläufe für PVC-Fensterprofile mit einer Verwertungsquote von 78 % hervor.

Perspektiven für den Innovationsstandort Deutschland

Dr. Carsten Gerhardt (Partner der Unternehmensberatung EY): „Deutschland sollte insgesamt stärker entlang kompletter Wertschöpfungsketten und konkreter Skalierungsprojekte denken.“(Bild:  Plastics Europe Deutschland)
Dr. Carsten Gerhardt (Partner der Unternehmensberatung EY): „Deutschland sollte insgesamt stärker entlang kompletter Wertschöpfungsketten und konkreter Skalierungsprojekte denken.“
(Bild: Plastics Europe Deutschland)

All diese Beispiele zeigen: Innovationskompetenz ist in Deutschland reichlich vorhanden. Die praxiserprobten Entwicklungen vom KI-gestützten Compounding über entklebbare Adhäsionssysteme bis hin zu großtechnischen Pyrolyse- und Hydrolyseanlagen belegen, dass die verfahrenstechnischen Grundlagen für die Transformation zur Verfügung stehen.

Werden die wirtschaftspolitischen Forderungen der Branche umgesetzt, kann die schnelle Überführung dieser Pilotprojekte in die kommerzielle Großserie den Verarbeitern stabile Rohstoffströme sichern und die industrielle Wertschöpfung am Standort Deutschland dauerhaft erhalten.