Anwendungen im Fokus Unverzichtbare Werkstoffe: Kunststoffe in der Medizin

Von Melanie Ehrhardt (verantwortlich) 8 min Lesedauer

Moderne Medizin kommt kaum noch ohne Kunststoffe aus. Was für viele nach Alltagsmaterial klingt, ist in Wirklichkeit ein Schlüssel zur Zukunft der Gesundheitsversorgung: formbar, anpassungsfähig, hygienisch und zunehmend nachhaltig. 

Orthopädische Implantate und Infusionszubehör aus Kunststoff (Bild:  KI-generiert / Dall-E)
Orthopädische Implantate und Infusionszubehör aus Kunststoff
(Bild: KI-generiert / Dall-E)

Ob Einwegspritze, Infusionsschlauch oder Herz-Lungen-Maschine: Kunststoffe begegnen uns in der Medizin überall. Sie sind leicht, vielseitig formbar und lassen sich für viele Anwendungen hygienisch einsetzen. Damit schaffen sie wichtige Voraussetzungen für moderne Behandlungsmethoden – vom einfachen Verbandsmaterial bis zur hochkomplexen Medizintechnik.

Der folgende Beitrag gibt einen Überblick über Anwendungen, Eigenschaften, Vorteile und Zukunftstrends von medizinischen Polymeren. Für alle, die mehr in die aktuelle Praxis eintauchen möchten, empfiehlt sich unser E-Magazin „PlastXnow Medical“, das in Zusammenarbeit mit unserer Vogel-Schwester Devicedmed entstanden ist und seit kurzem verfügbar ist. 

Warum werden Kunststoffe in der Medizin verwendet?

Kunststoffe werden in der Medizin verwendet, weil sie vielseitig, leicht, formbar und an unterschiedliche medizinische Anforderungen anpassbar sind. Je nach Kunststoff lassen sich gezielt Eigenschaften wie Sterilisierbarkeit, Flexibilität, Transparenz oder chemische Beständigkeit einstellen.

Die wichtigsten Gründe sind:

  • Geringes Gewicht: Kunststoffprodukte sind deutlich leichter als viele Produkte aus Metall oder Glas.
  • Gute Formbarkeit: Kunststoffe können in nahezu beliebige Formen gebracht werden – wichtig für Spritzen, Katheter, Prothesen, Implantate oder medizinische Gehäuse.
  • Vielfältige Eigenschaften: Durch die Auswahl verschiedener Kunststoffe und Zusatzstoffe können Härte, Elastizität, Transparenz, Reibung oder Temperaturbeständigkeit angepasst werden.
  • Chemische Beständigkeit: Viele Kunststoffe widerstehen Körperflüssigkeiten, Medikamenten und Reinigungs- bzw. Desinfektionsmitteln.
  • Sterilisierbarkeit: Geeignete Kunststoffe können mit Verfahren wie Dampf, Strahlung oder Ethylenoxid sterilisiert werden.
  • Hygiene und Einmalanwendungen: Kunststoffe ermöglicht kostengünstige sterile Einwegprodukte, das reduziert das Risiko von Kreuzkontaminationen.
  • Biokompatibilität: Bestimmte Kunststoffe können so ausgewählt und verarbeitet werden, dass sie für den Kontakt mit Gewebe, Blut oder Körperflüssigkeiten geeignet sind.
  • Kosteneffizienz: Kunststoffprodukte lassen sich häufig in großen Stückzahlen wirtschaftlich herstellen.

Kurz gesagt: Kunststoffe verbinden in der Medizin Funktionalität, Gestaltungsfreiheit, geringes Gewicht und teilweise sehr gute biologische Verträglichkeit. Deshalb finden sie sich sowohl in einfachen Einwegprodukten als auch in hochentwickelten Implantaten und Medizinprodukten.

Kurz erklärt: Biokompatibilität

Als Biokompatibilität bezeichnet man in der Medizin die Eigenschaft von Materialien bzw. Werkstoffen, im direkten Kontakt mit lebenden Geweben eine angemessene biologische Antwort hervorzurufen, insbesondere keinen negativen Einfluss auf deren Stoffwechsel auszuüben.

Quelle: Doccheck

Welche Kunststoffe werden in der Medizin verwendet?

In der Medizin kommen sehr unterschiedliche Kunststoffe zum Einsatz. Welche Sorte verwendet wird, hängt davon ab, ob sie beispielsweise flexibel, mechanisch belastbar, transparent, sterilisierbar oder besonders biokompatibel sein muss.

Polytetrafluorethylen für Hochleistungsanwendungen

Fluorpolymere zeichnen sich im medizinischen Bereich vor allem durch ihre Stabilität aus: Sie sind geradezu prädestiniert für eine große Bandbreite von Anwendungen. Beispielhaft Polytetrafluorethylen (PTFE), auch bekannt unter dem Handelsnamen Teflon.

Zur medizinischen Bandbreite von PTFE gehören einfache Anwendungen wie Beschichtungen von Stopfen für Arzneimittelfläschchen. Komplexere Beispiele sind widerstandsfähige Einweg-Schläuche mit einer gewissen Resistenz gegen die Bildung von Biofilmen. 

Da die Oberflächen dieser Kunststoffe sehr glatt sind, eignen sie sich auch für Injektionen oder Implantate. Aus PTFE oder verwandten Fluorpolymeren bestehen daher beispielsweise Stents für Herz-Operationen oder Katheter-Dorne zum Einsatz im Herz-Kreislaufsystem.

Polyethylen für Implantate

Polyethylen (PE) ist nicht nur insgesamt der weit verbreitetste Kunststoff, sondern spielt auch im medizinischen Einsatz eine große Rolle. Der Thermoplast kommt vor allem in Verpackungen für klinische und pharmazeutischer Produkte zum Einsatz, unter anderem in Flaschen oder Folien, aber auch beispielsweise in Spritzen. 

Vor allem Polyethylene hoher Dichte (HDPE) zeichnet sich dabei durch eine hohe Formfestigkeit und Chemikalienbeständigkeit aus. Das Material kommt daher etwa auch für Implantate, zum Beispiel als Hüftgelenkpfannen in der Orthopädie, zum Einsatz. Darüber hinaus lässt sich etwa bei Behältern aus PE der Einfluss von migrierenden Additiven vermeiden.

Polyvinylchlorid für medizinische Einwegprodukte

Der zweite besonders häufig in der Medizin eingesetzte Kunststoff ist Polyvinylchlorid (PVC). Für den Werkstoff sprechen vor allem der geringe Preis, auch im Vergleich zu anderen Kunststoffen, sowie die einfache Verarbeitbarkeit. Das Material ist außerdem sehr gewebe- und blutverträglich. Aufgrund dieser Eigenschaften kommt PVC vor allem in Einweg-Produkten wie Blutbeutel und Handschuhe oder Katheter, aber auch für Schläuche und sterilisierbare Verkleidung von medizinischen Geräten zum Einsatz. 

Jetzt Newsletter abonnieren

Verpassen Sie nicht unsere besten Inhalte

Mit Klick auf „Newsletter abonnieren“ erkläre ich mich mit der Verarbeitung und Nutzung meiner Daten gemäß Einwilligungserklärung (bitte aufklappen für Details) einverstanden und akzeptiere die Nutzungsbedingungen. Weitere Informationen finde ich in unserer Datenschutzerklärung. Die Einwilligungserklärung bezieht sich u. a. auf die Zusendung von redaktionellen Newslettern per E-Mail und auf den Datenabgleich zu Marketingzwecken mit ausgewählten Werbepartnern (z. B. LinkedIn, Google, Meta).

Aufklappen für Details zu Ihrer Einwilligung

Polystyrol für medizinische Verpackungen

Für Verpackungen aller Art kommt im medizinischen Bereich vor allem Polystyrol (PS) zum Einsatz. Durch seine hohe Transparenz und ist der thermoplastische Kunststoff vor allem in Anwendungen zu finden, in denen sonst Glas zum Einsatz kommen würde. Zu nennen, sie hier etwa Behältern für infektiöses oder toxisches Material oder im Laborbereich in Petrischalen und Ähnlichem. PS findet jedoch beispielsweise auch als Folie in Medikamentenblistern Verwendung.

Expandiertes Polystyrol (EPS), weit bekannt unter dem Handelsnamen Styropor, dient als Schaumstoff dagegen dem Schutz von empfindlichen Produkten. Außerdem leistet das Material durch seine wärmedämmende Wirkung seinen Dienst in der Kühlkette beim Transport von Medikamenten.

Polypropylen als Nahtmaterial

Auch Polypropylen (PP) kommt hauptsächlich für die Verpackung zum Einsatz, beispielsweise wiederum in Medikamentenblistern, aber auch für Einwegspritzen oder Infusions-Bestecke. Hitzestabilisierte Polypropylen-Typen sind darüber hinaus gut zu sterilisieren. Außerdem kommt PP auch in Implantaten zum Einsatz und spielt durch seine glatte Oberfläche als Nahtmaterial eine große Rolle.

(Bild: PXN)

Frag doch mal Plasti

Welche Kunststoffe kommen am häufigsten in der Medizin zum Einsatz?

PE, PVC, PS und PP sind die mit Abstand gängigsten Polymere in der medizinischen Anwendung und stehen zusammen für 80 bis 90 Prozent der dort eingesetzten Kunststoffe. 

Polyetheretherketon für die Chirurgie

Polyetheretherketon (PEEK) wird in der Medizin vor allem für Implantate und medizinische Bauteile eingesetzt, bei denen eine hohe mechanische Belastbarkeit, geringes Gewicht und eine gute Beständigkeit gegenüber Körperflüssigkeiten erforderlich sind. Besonders häufig findet PEEK in der Orthopädie und Wirbelsäulenchirurgie Verwendung, beispielsweise für Bandscheiben- und Wirbelsäulenimplantate, Knochenersatzkomponenten oder Käfig zur Stabilisierung der Wirbelsäule. 

Auch in der Traumatologie und bei individuell angefertigten Implantaten kommt der Werkstoff zum Einsatz. Ein wesentlicher Vorteil von PEEK ist seine ähnliche Elastizität wie die von Knochen, wodurch es sich für bestimmte Anwendungen besser eignet als sehr steife Metalle. Zudem ist PEEK röntgendurchlässig, sodass das Implantat auf Röntgen- und CT-Aufnahmen nur wenig sichtbar ist und die Beurteilung des umliegenden Gewebes erleichtert wird. 

Weitere Kunststoffe

Daneben gibt es noch eine Reihe anderer Kunststoffe in der Medizintechnik:

  • Polyethylenterephthalat (PET): medizinische Verpackungen, bestimmte Implantat-/Textilanwendungen
  • Polycarbonat (PC): Spritzenkomponenten, Gehäuse, Labor- und Diagnostikgeräte
  • Polyamide (PA): Katheter, chirurgische Fäden, Komponenten von Medizinprodukten
  • Polyurethane (PUR): Katheter, Schläuche, Wundauflagen, Komponenten für Implantate
  • Silikone: Katheter, Drainagen, Implantate, Dichtungen
  • Polymethylmethacrylat (PMMA): Knochenzement, Kontaktlinsen, Prothesen

Sterilisation und Aufbereitung

Kunststoffe in der Medizin werden je nach Material und Produkt beispielsweise durch Dampf, Ethylenoxid (EO), Strahlung oder Niedertemperaturverfahren sterilisiert. Welches Verfahren geeignet ist, hängt vor allem von der Temperaturbeständigkeit und der chemischen Stabilität des Kunststoffs ab. 

  • Bei er Dampfsterilisation im Autoklaven werden Temperaturen von typischerweise 121–134 °C eingesetzt. Geeignete Kunststoffe wie PP oder PEEK können diesen Bedingungen standhalten, während temperaturempfindliche Kunststoffe sich verformen oder ihre mechanischen Eigenschaften verändern können. 
  • Die Ethylenoxid-Sterilisation erfolgt bei vergleichsweise niedrigen Temperaturen und eignet sich daher auch für viele temperaturempfindliche Kunststoffprodukte. Allerdings muss anschließend sichergestellt werden, dass Rückstände des Sterilisationsmittels ausreichend entfernt werden. 
  • Bei der Strahlensterilisation, beispielsweise mit Gamma- oder Elektronenstrahlung, können Kunststoffe direkt in ihrer Verpackung sterilisiert werden. Dabei kann die Strahlung jedoch zu Veränderungen der Polymerstruktur führen, etwa zu Versprödung, Verfärbung oder einer Veränderung der mechanischen Eigenschaften. 
  • Niedertemperaturverfahren wie die Wasserstoffperoxid-Plasma-Sterilisation sind ebenfalls für bestimmte empfindliche Medizinprodukte geeignet. 

Insgesamt gilt: Kunststoffe müssen nicht nur steril, sondern auch nach der Sterilisation funktional und biokompatibel bleiben. Die Wahl des Kunststoffs und des Sterilisationsverfahrens muss deshalb aufeinander abgestimmt werden.

Zukunftstrends: Wohin entwickelt sich die Medizin?

Bei medizinischen Kunststoffen zeichnen sich mehrere wichtige Zukunftstrends ab. Ein zentraler Trend ist die Entwicklung noch besser biokompatibler Materialien, die vom Körper gut vertragen werden und gezielt mit dem umliegenden Gewebe interagieren können. 

Gleichzeitig gewinnen bioabbaubare Kunststoffe an Bedeutung, die sich nach ihrer Funktion im Körper kontrolliert abbauen und dadurch beispielsweise bei bestimmten Implantaten eine spätere Entfernung überflüssig machen können. 

Auch die additive Fertigung eröffnen neue Möglichkeiten: Implantate und Prothesen können zunehmend individuell an die Anatomie eines Patienten angepasst werden. 

Darüber hinaus werden intelligente Kunststoffe erforscht, die beispielsweise auf Temperatur, Druck, pH-Wert oder andere biologische Veränderungen reagieren und Wirkstoffe gezielt freisetzen können. 

Ein weiterer wichtiger Schwerpunkt ist die Nachhaltigkeit. Dabei geht es unter anderem um recyclingfähige Materialien, einen geringeren Materialverbrauch und die Entwicklung von Kunststoffen, die über ihren gesamten Lebenszyklus eine geringere Umweltbelastung verursachen. Schließlich spielen auch Hochleistungskunststoffe wie PEEK eine zunehmende Rolle, da sie mechanisch belastbar, leicht und für bestimmte medizinische Anwendungen gut geeignet sind. 

E-Magazin: PlastXnow Medical 2026

Blick ins Heft
 

Cover E-Magazin PlastXnow Medical
(Bild: WIN Verlag)
  • Kunststoff: Material für die sichere medizinische Versorgung

  • Glucoseüberwachung: Ultraschall-Fügeprozess für neuartiges Medizinprodukt entwickelt

  • Spritzgießmaschinen: Warum bei Engel das Bauteil den Takt vorgibt

  • Additive Fertigung: Wie Mikro-3D-Druck die Innovation von Medizinprodukten transformiert

  • Sterilbarrieresysteme: Polypropylen-Blister und valide Systemfolien 

Service

Das E-Magazin "PlastXnow Medical 2026" finden Sie hier.

Fazit & Ausblick

Kunststoffe sind aus der modernen Medizin nicht mehr wegzudenken (+). Ihre vielseitigen Eigenschaften – von geringem Gewicht und hoher Formbarkeit bis hin zu chemischer Beständigkeit und guter Biokompatibilität – ermöglichen ihren Einsatz in einer großen Bandbreite von Anwendungen, etwa bei Spritzen, Kathetern, Schläuchen, Verpackungen und Implantaten. 

Je nach medizinischer Anforderung kommen unterschiedliche Kunststoffe wie PE, PP, PVC, Silikone oder Hochleistungskunststoffe wie PEEK zum Einsatz. Eine besondere Herausforderung besteht darin, die Materialien so auszuwählen und zu verarbeiten, dass sie auch nach der erforderlichen Sterilisation ihre Eigenschaften behalten und sicher im medizinischen Einsatz verwendet werden können. 

Gleichzeitig entwickelt sich das Gebiet kontinuierlich weiter. Zukunftstrends wie bioabbaubare und intelligente Kunststoffe, patientenspezifische Implantate aus dem 3D-Druck sowie nachhaltigere Materialien eröffnen neue Möglichkeiten. Damit bleiben Kunststoffe ein wichtiger Bestandteil der medizinischen Entwicklung – mit dem Potenzial, Therapien sicherer, individueller und effizienter zu gestalten.

Quellen

Transparenz: Dieser Text wurde auch mithilfe künstlicher Intelligenz erstellt.